Der Geschmack des Vertrauten und die Unverfügbarkeit des Neuen

Es gibt Momente in meinem Leben, da sehne ich mich zutiefst nach Veränderung. Ich spüre, dass alte Denkmuster eng werden, dass bestimmte Gewohnheiten mich eher einengen als beleben. Und doch ertappe ich mich immer Mal wieder dabei, wie beharrlich ich am Vertrauten festhalte. Es ist eine seltsame Zerreißprobe im eigenen Herzen. Manchmal frage ich mich, warum uns das Vergehen des Alten so viel Angst macht, selbst wenn das Neue so viel vielversprechender erscheint.

Vor Kurzem ist mir dazu eine Szene aus dem Lukasevangelium im fünften Kapitel neu begegnet. Jesus sitzt dort an einem Tisch, umgeben von Menschen, die in den Augen der religiösen Elite der damaligen Zeit absolut fehl am Platz waren: Zöllner, Sünder, Ausgestoßene. Manchmal neigen wir heute dazu, diese Szene als eine Art spontane, wilde Party zu beschreiben. Aber ich glaube, damit tun wir dem Geschehen unrecht. Manche deuten es so, als ob Jesus hier fast schon rebellisch eine bloße Provokation auslösen wollte. Doch aus meiner Perspektive ist Jesus zwar oft liebevoll kühn, aber nicht rebellisch. Wenn ich versuche, mich in diesen Raum hineinzudenken, spüre ich vielmehr eine dichte, fast ehrfürchtige Atmosphäre. Ich sehe da ein sehr fokussiertes, liebevolles und zweckgebundenes Handeln Jesu. Es ist vielleicht eher ein heiliger Moment der Versöhnung und der Heiligung, getragen von einer tiefen, existenziellen Sehnsucht der Menschen, die dort mit ihm das Brot teilen.

Ich kenne solche Momente aus meiner eigenen Community in Offenbach. Wir sitzen manchmal nach dem Gottesdienst bis spät in die Nacht an einem langen Tisch in unserer offenen Küche. Draußen ist es dunkel, Manchmal zwischen eine Runde UNO, oder beim Pizza essen, sprechen wir über das Leben, über den Glauben, über Zweifel und über das Wirken Jesu zwischen all diesen Themen. Viele, die da sitzen, kommen aus einem säkularen Umfeld, in dem Glaube eigentlich keine Rolle mehr spielt. Und plötzlich entsteht da, mitten im Alltag, eine leise Ehrfurcht. Kein Lärm, keine Ausschweifung, sondern die spürbare Gegenwart von etwas Größerem. In genau so eine dichte Situation in Kapernaum platzen damals die Schriftgelehrten hinein. Sie bringen kein ehrliches Interesse mit, sondern ein starres System. Sie vergleichen und hinterfragen das Verhalten der Jünger. Jesus antwortet ihnen daraufhin mit einem Gleichnis, das in Lukas 5,36–39 überliefert ist:

„Niemand schneidet einen Flicken von einem neuen Gewand und setzt ihn auf ein altes Gewand; sonst wird er sowohl das neue zerschneiden, wie auch der Flicken von dem neuen zum alten nicht passen wird. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird verschüttet werden, und die Schläuche werden verderben; sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche. Und niemand will, wenn er alten getrunken hat, neuen, denn er spricht: Der alte ist milde.“ (Lukas 5,36–39)

Ich glaube, Jesus spiegelt uns hier nicht einfach nur eine harmlose menschliche Bequemlichkeit, wenn er sagt: „Der alte ist milde“. Der alte Wein steht hier — so meine Leseart, für menschliche Traditionen, starre Strukturen und eine Selbstgerechtigkeit, die sich weigert, die frische, lebensverändernde Gnade Jesu anzunehmen. Das ist keine harmlose Komfortzone, sondern eine gefährliche Täuschung. Dieser vermeintlich milde Wein schmeckt vertraut, aber er betäubt und hält in geistlicher Erstarrung gefangen. Das Alte versucht, sozusagen das Neue zu blockieren.

Neurowissenschaftler würden heute vielleicht sagen: Unser Gehirn liebt das Energiesparprogramm. Das Vertraute gibt unserem Nervensystem fälschlicherweise das Signal von absoluter Sicherheit. Und genau hier liegt die Gefahr: Wir verwechseln die Trägheit der Gewohnheit mit echtem Leben.

Der neue Wein hingegen, von dem Jesus spricht, ist eine völlig andere Substanz. Er gärt, er arbeitet, er dehnt sich aus. Er verlangt nach einer neuen Schöpfung und lässt sich nicht einfach in unsere alten Schablonen einsortieren. Wenn wir versuchen, die dynamische Gegenwart Gottes in unsere alten Kontrollmechanismen zu pressen, dann riskieren wir, dass beides zerbricht: Die Struktur hält dem Druck nicht stand, und die Erfahrung der Freiheit geht uns verloren.

Nun könnte man in unserer heutigen Zeit meinen, wir hätten dieses Problem der Starrheit längst hinter uns gelassen. Wir betonen die Freiheit, das Neue, das Progressive. Wir bezeichnen unsere Epoche oft als Postmoderne und grenzen uns damit von der klassischen Moderne ab. Wo die Moderne noch an die eine, absolute Wahrheit, an unumstößliche Systeme, Vernunft und großen Fortschritt glaubte, da hinterfragt die Postmoderne all diese Konstrukte. Philosophisch gesehen bricht sie feste Wahrheiten auf. Sie sagt: Alles ist relativ, alles ist Perspektive, es gibt keine allgemeingültige Erzählung mehr. Jeder konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit. Auf den ersten Blick wirkt dieser Wechsel wie die ultimative Befreiung von den alten, starren Schläuchen der Vergangenheit.

Aber wenn ich ehrlich bin, frage ich mich manchmal, ob wir in dieser postmodernen Haltung nicht oft nur die Hülle ausgetauscht haben. Denn die vermeintliche totale Freiheit hat ein neues Gesicht bekommen. Die modernen Standards unserer Gesellschaft – der subtile Zwang zur ständigen Selbstoptimierung, der Druck, moralisch fehlerfrei zu performen, die Jagd nach digitaler Anerkennung und die Unsicherheit einer Welt, in der nichts mehr feststeht – fühlt sich das nicht manchmal genauso starr und unbarmherzig an wie die rituellen Fastengesetze von damals? Die Postmoderne verspricht, dass alles möglich ist, hinterlässt uns aber oft mit der Erschöpfung, alles selbst leisten zu müssen. Es sind vielleicht nur neue, unelastische Schläuche, die unter einem anderen Namen die gleiche Enge erzeugen. Freiheit ohne Gott führt am Ende vielleicht doch nur in die Sklaverei des eigenen Egos.

Der echte neue Wein Jesu, so wie ich ihn verstehe, unterscheidet sich davon grundlegend. Er ist kein neuer Leistungsdruck. Er ist eine Substanz, die befreit. Und das Entscheidende an ihm ist: Er besitzt eine ganz eigene Form von Unverfügbarkeit. Damit meine ich nicht, dass Gott launisch wäre oder sich uns entziehen würde. Im Gegenteil: Seine Gnade ist uns im neuen Bund fest und unverbrüchlich zugesagt. Gott ist treu und verbindlich, er bindet sich an uns. Aber diese Realität ist eben unverfügbar für unsere Machbarkeit. Wir können sie nicht künstlich herstellen, nicht mit unseren Emotionen erzwingen und nicht wie ein Konsumgut im Griff behalten. Sie entzieht sich unserem Kontrollwahn. Dieser Wein ist eine feste Verheißung – auch und gerade dann, wenn es sich im eigenen Alltag vielleicht überhaupt nicht so anfühlt. Die Erfahrung der Gegenwart Gottes bleibt ein Geschenk, das wir dankbar empfangen müssen, statt es besitzen zu wollen.

Ich komme hier auch schon zum Ende meiner kurzen Reflektion. Die Gedanken, die ich mir hier mache, sind natürlich nicht die einzig richtige Wahrheit über diesen Text. Es ist nur eine Möglichkeit, wie wir diese Worte Jesu heute lesen könnten. Ich glaube, wir brauchen Strukturen im Leben – wir brauchen Schläuche, um den Alltag überhaupt bewältigen und das Evangelium weiter bringen zu können. Die Schläuche müssen jedoch der Substanz dienen. Wenn die Struktur starr und gesetzlich wird, reißt sie; wenn sie zu lasch wird, verschüttet man den Wein. Die Frage, die mich umtreibt, ist eher: Sind meine inneren Schläuche noch elastisch genug, um sich von der lebendigen Treue Gottes überraschen zu lassen? Oder habe ich mich so sehr an den milden, einschläfernden Geschmack meiner Traditionen und Gewohnheiten gewöhnt, dass ich das Neue gar nicht mehr an mich heranlassen will?

Vielleicht geht es gar nicht darum, das Alte von heute auf morgen rücksichtslos und radikal wegzuwerfen. Es könnte vielmehr eine Einladung sein, behutsam hinzuschauen. Wo sitzen wir vielleicht selbst an diesem langen Tisch, wie wir ihn in Offenbach haben, und spüren diese leise Ehrfurcht, diese Sehnsucht nach echter, verbindlicher Freiheit?

Ich möchte dich einladen, diesen Gedanken einfach mal mitzunehmen und dir deine eigene Meinung dazu zu bilden. Was löst der Geschmack des „alten Weines“ in deinem Leben aus? Und wo spürst du vielleicht den Mut, dem Neuen Raum zu geben – ganz ohne den Zwang, sofort perfekt sein zu müssen, sondern einfach aus der Offenheit heraus, dankbar zu empfangen, was uns in seiner Treue geschenkt ist.


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