Jeremia 31,25 Wenn nichts mehr geht → „Ich will den Erschöpften neue Kraft geben, und alle, die vom Hunger geschwächt sind, bekommen von mir zu essen.“

Fettgedrucktes für schnell Leser…

Einleitender Impuls:

Stell dir mal vor, mitten im Alltagschaos, zwischen Meetings, Wäsche, Sorgen, To-do-Listen und vielleicht auch einem Haufen Zweifel, kommt dieser uralte Vers zu dir. Jeremia 31,25 steht nicht isoliert da – das ist ein Vers mitten im größten Umbruch: Israel ist im Exil, es geht um Identitätsverlust, Unsicherheit, Angst vor der Zukunft. Der Kontext ist ehrlich: Hier werden keine Helden gemacht, sondern Erschöpfte angesprochen. Und ja, das schließt dich ein – auch wenn du gerade eher analysierst oder innerlich skeptisch bist: Es ist kein Text für die, die alles glauben können, sondern für die, die sich nach Sinn, nach einem tragfähigen Grund fragen.

Und falls du schon länger unterwegs bist mit Glauben oder Gott, aber trotzdem immer wieder an denselben Grenzen landest, gilt das Wort genauso: Du bist nicht zu kompliziert für Gottes Nähe, auch nicht mit deinen Zweifeln. Die Einladung gilt gerade da, wo das „ich glaube, hilf meinem Unglauben“ (Markus 9,24) im Raum steht. Vielleicht braucht es manchmal einen analytischen Blick, einen ehrlichen Check, ob diese Hoffnung wirklich Substanz hat. Jeremia 31,25 besteht diesen Test: Es ist kein Vertröstungsvers, sondern ein Bekenntnis, dass Gott mitten in Schwäche, Hunger, Fragen – sogar im Chaos – Kraft gibt. Nicht als Sprint, sondern als stille, tragende Zusage.

Vielleicht reicht heute ein kleiner, konkreter Schritt: Gönn dir eine Pause ohne schlechtes Gewissen. Sprich deine Müdigkeit ehrlich aus, für dich selbst, vor Gott oder mit jemandem, der dich versteht. Und wenn du Kraft hast, sei du für jemanden da, der mit seiner Müdigkeit gerade nicht allein sein will. Christsein ist kein Solo-Projekt, und du bist nicht allein unterwegs. Hoffnung wächst, wo wir unsere Grenzen nicht verstecken müssen.

Fragen zur Vertiefung oder für Gruppengespräche:

  1. Wo hast du in letzter Zeit erlebt, dass deine Schwäche oder Erschöpfung nicht ignoriert, sondern wahrgenommen wurde? Hier geht’s darum, gemeinsam über Momente nachzudenken, in denen wir ehrlich sein durften – und was das mit uns gemacht hat.
  2. Wie gehst du im Alltag damit um, wenn du merkst, dass deine Kraft nicht reicht? Diese Frage lädt dazu ein, ganz konkret den Umgang mit den eigenen Grenzen zu reflektieren – ohne falsche Scham, aber auch ohne sofort nach Lösungen zu suchen.
  3. Was wäre, wenn gerade deine ehrlich ausgesprochene Müdigkeit ein Startpunkt für Hoffnung und Verbundenheit wird – für dich und andere? Die Frage will einen Perspektivwechsel anstoßen und dazu ermutigen, sich dem Zarten und Unfertigen zu stellen, das neue Gemeinschaft und Glauben wachsen lassen kann.

Parallele Bibeltexte als Slogans mit Anwendung:

Psalm 23,3 – „Er bringt dich zum Aufatmen.“ → Gottes Fürsorge beginnt da, wo du keine Kraft mehr hast – Vertrauen darf leise wachsen.

Matthäus 11,28 – „Du musst nicht stark sein.“ → Bei Jesus ist Raum für Müdigkeit und Unvollkommenheit – das ist kein Makel, sondern Einladung.

Jesaja 40,29 – „Erschöpfte haben Vorrang.“ → Gott schenkt neue Kraft, wenn die eigene zu Ende ist. Das reicht – auch für heute.

2. Korinther 12,9 – „Meine Gnade genügt dir.“ → Du bist nicht zu schwach, um von Gott gebraucht zu werden – im Gegenteil.

Nimm dir einen Moment Zeit – vielleicht 20 Minuten – und lass dich ganz neu auf die leisen, ehrlichen Seiten deiner Geschichte und dieses Textes ein. Es könnte gut tun.

Ausarbeitung zum Impuls

Hey, lass uns kurz innehalten, tief durchatmen und gemeinsam ins Gebet gehen – so, wie du gerade bist.

Lieber Vater, danke, dass du nicht erwartest, dass wir immer stark sind. Manchmal fühlen wir uns müde und leer, manchmal fehlt uns sogar das Gebet. Aber du bist da – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit offenen Armen. Du hast versprochen, jede müde und verschmachtete Seele zu erquicken. Das klingt fast zu schön, aber genau das brauchen wir: nicht noch mehr To-dos, sondern echten Trost, echtes Durchatmen bei dir. Schenk uns heute diesen Moment der Ruhe. Zeig uns, was es heißt, satt zu werden, ohne etwas leisten zu müssen. Danke, dass deine Güte kein Ablaufdatum hat. Wir bringen dir alles, was schwer ist, und bitten dich: Lass uns spüren, dass dein Wort mehr ist als Theorie. Im Namen Jesu,

Amen.

Dann lass uns jetzt gemeinsam in den Text eintauchen und schauen, was diese Zusage für uns heute bedeutet.

Persönliche Identifikation mit dem Text und der Ausarbeitung:

In diesem Ersten Abschnitt geht es nicht darum, den Text zu erklären – sondern ihm zuzuhören. Es ist eigentlich der Letze schritt der Ausarbeitung gewesen, der den Ich nach allen anderen Schritten gegangen bin, die du danach lesen kannst… Ich versuche den Text zu sehen, zu hören zu fühlen und stelle mir die leisen, ehrlichen „W“-Fragen: Was spricht mich an? Was bleibt unausgesprochen? Warum bewegt mich das gerade jetzt? Ich frage mich, wie dieser Vers meinen Alltag berühren kann – nicht theoretisch, sondern greifbar. Und ich spüre nach, was das mit meinem Glauben macht – ob es trägt, fordert, tröstet oder alles zugleich. Am Ende suche ich nicht die perfekte Antwort, sondern eine aufrichtige Reaktion: Was nehme ich mit – ganz persönlich, im Herzen, im Leben, im Blick auf Gott.

Also, bereit?

Ich spreche heute über die Perikope Jeremia 31,1–26, besonders über diesen einen Vers, der wie eine Oase inmitten einer staubigen, müden Landschaft steht: „Denn ich habe die erschöpfte Seele reichlich getränkt und jede schmachtende Seele gefüllt.“ Es ist, als halte Gott inmitten aller Erschöpfung und Verwirrung kurz inne und flüstere etwas, das nicht nur gehört, sondern gesehen und gefühlt werden will.

Wenn ich diesen Text sehe, stehen vor meinem inneren Auge nicht strahlende Sieger, sondern Menschen, deren Gesichter Spuren von Müdigkeit und Lebenslast tragen. Ich sehe keine Heldengalerie, sondern einen Querschnitt echter Biografien: Mütter mit dunklen Ringen unter den Augen, Väter, die schon zu lange stark sein mussten, Suchende, Skeptiker, Getriebene, Verwundete, Großeltern mit Erinnerungen und Junge, die zwischen Hoffnung und Zynismus schwanken. Der Text ist wie ein großes Gruppenbild nach einer langen Reise – keiner perfekt, keiner unverletzt, aber alle noch da. Und ganz ehrlich: Da sehe ich auch mich selbst. Ich sehe, dass Gott nicht den Leistungsstarken, sondern die Müden, die Schwachen, die am Rand stehen, ins Zentrum rückt. Das ist nicht das, was ich oft höre oder glaube zu müssen, aber es ist der Blick, den Gott in dieser Perikope wählt.

Wenn ich hinhorche, merke ich, wie leise der Trost ausgesprochen wird – kein Paukenschlag, sondern ein Satz, der fast zwischen den Zeilen verloren gehen könnte. Es fällt auf, wie viel in diesem Text nicht gesagt wird: Kein Appell, sich endlich zusammenzureißen. Kein Lob der Tüchtigen. Kein „Wenn du nur genug glaubst, wird alles gut“. Gott redet hier nicht von To-do-Listen, sondern von der Tiefe menschlicher Erschöpfung. Ich höre auch die vielen Stimmen, die aus dem Text heraus- und in ihn hineinschwingen: Da ist der Zweifel der Ehrlichen, das Sehnen der Verletzten, das sachliche Nachfragen der Analytiker, das stille Hoffen der, die nicht mehr hoffen können. Was bleibt unausgesprochen? Vielleicht, dass es okay ist, nicht okay zu sein. Vielleicht, dass Gott gerade die Unerhörten, Unfertigen, Unsicheren meint – und nicht die, die mit perfekt gebügelter Frömmigkeit auftreten.

Wenn ich fühle, tut sich ein ganzer Resonanzraum auf. Es klingt vielleicht pathetisch, aber dieser Vers trifft mich dort, wo ich sonst nicht so gerne hinschaue: In meiner eigenen Müdigkeit, in meinen Fragen, ob Gottes Zusagen auch dann gelten, wenn ich sie nicht fühle. Da ist etwas Tröstliches, das trotzdem fordert: Die Zusage bleibt stehen, auch wenn ich schwanke. Sie gilt nicht für die, die schon satt und zufrieden sind, sondern für alle, deren inneres Konto auf Reserve läuft. Ich spüre: Die Verheißung ist nicht darauf angewiesen, dass ich stark genug bin, um sie zu ergreifen. Sie gilt, weil Gott sie spricht – das reicht. Das bewegt mich, weil ich mich darin entdecke: manchmal schwach, manchmal leer, manchmal trotzig – und trotzdem gemeint. Ich nehme mit, dass diese göttliche Erquickung kein Sofort-Upgrade, sondern ein tragender Grund ist – leise, ehrlich, auf lange Sicht.

Was bleibt? Die Hoffnung, dass Gottes Wort nicht an meine Tagesform gebunden ist. Dass Erfüllung manchmal im Durchhalten liegt, manchmal im Aussprechen der eigenen Müdigkeit – und dass Gott mich im Blick hat, auch wenn ich selbst den Überblick verliere.

Damit lasse ich den Text noch nicht los, sondern lade dich ein, mit mir gemeinsam tiefer einzutauchen: Lass uns sehen, was in dieser alten Verheißung an neuer Kraft, an Herausforderung und an wirklicher Nähe steckt – für uns heute.

Der Text:

Zunächst werfen wir einen Blick auf den Text in verschiedenen Bibelübersetzungen. Dadurch gewinnen wir ein tieferes Verständnis und können die unterschiedlichen Nuancen des Textes in den jeweiligen Übersetzungen oder Übertragungen besser erfassen. Dazu vergleichen wir die Elberfelder 2006 (ELB 2006), Schlachter 2000 (SLT), Luther 2017 (LU17), Basis Bibel (BB) und die Hoffnung für alle 2015 (Hfa).

Jeremia 31,25

ELB 2006: Denn ich habe die erschöpfte Seele reichlich getränkt und jede schmachtende Seele gefüllt.

SLT: Denn ich will die ermattete Seele erquicken und jede schmachtende Seele sättigen! –

LU17: denn ich will die Müden erquicken und die Verschmachtenden sättigen.«

BB: Ja, den Durstigen gebe ich zu trinken und die Müden stärke ich.

HfA: Ich will den Erschöpften neue Kraft geben, und alle, die vom Hunger geschwächt sind, bekommen von mir zu essen.«

Der Kontext:

In diesem Abschnitt geht es darum, die grundlegenden Fragen – das „Wer“, „Wo“, „Was“, „Wann“ und „Warum“ – zu klären. Das Ziel ist es, ein besseres Bild von der Welt und den Umständen zu zeichnen, in denen dieser Vers verfasst wurde. So bekommen wir ein tieferes Verständnis für die Botschaft, bevor wir uns den Details widmen.

Kurzgesagt… Jeremia 31 passiert, während das Volk Israel komplett im Exil steckt: Heimat weg, Tempel weg, Perspektive? Auch weg. Und genau hier platzt eine richtig überraschende Hoffnung in die Geschichte.

Previously on Jeremia: Die Story bis hier ist ein ziemliches Drama. Israel, jahrzehntelang geistlich orientierungslos und politisch ziemlich wankelmütig, landet nach diversen Warnungen beim Tiefpunkt: Die Babylonier haben Jerusalem zerstört, die Elite verschleppt, der Rest vegetiert im fremden Land vor sich hin. Jeremia war der, der schon vorher gesagt hat: Leute, das kommt alles so – glaubt mir. Verständlich, dass er sich damit nicht wirklich beliebt gemacht hat. Jetzt, als alles hoffnungslos wirkt, taucht plötzlich diese Botschaft auf: Gott gibt euch nicht auf. Inmitten der Trümmer ein Versprechen: Es kommt eine Zeit der Heimkehr, des Aufatmens, der echten Erquickung. Das ist fast, als würde ein Florist in den Ruinen Rosen pflanzen.

Der geistig-religiöse Kontext ist hochaufgeladen: Die Leute fragen sich, ob Gott sie vergessen hat – schließlich galt der Tempel als Gottes feste Adresse. Aber Jeremia spricht in diese Unsicherheit hinein: Gott bleibt nicht auf Distanz, sondern geht den Weg durch die Wüste mit. Seine Zusage richtet sich nicht an Helden, sondern an Erschöpfte und Gebrochene. Es geht um Rückkehr, um Neuanfang, darum, dass bei Gott noch Hoffnung ist, wenn wir längst aufgegeben haben. Die Empfänger damals? Ein Volk, das nicht weiß, wie es weitergeht – und plötzlich hört, dass Gott für die Müden da ist.

Im nächsten Schritt tauchen wir in die Schlüsselwörter ein und schauen, welches Gewicht Begriffe wie „ermüdet“, „satt“ oder „erquicken“ wirklich tragen.

Die Schlüsselwörter:

In diesem Abschnitt wollen wir uns genauer mit den Schlüsselwörtern aus dem Text befassen. Diese Worte tragen tiefere Bedeutungen, die oft in der Übersetzung verloren gehen oder nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Wir werden die wichtigsten Begriffe aus dem ursprünglichen Text herausnehmen und ihre Bedeutung näher betrachten. Dabei schauen wir nicht nur auf die wörtliche Übersetzung, sondern auch darauf, was sie für das Leben und den Glauben bedeuten. Das hilft uns, die Tiefe und Kraft dieses Verses besser zu verstehen und ihn auf eine neue Weise zu erleben.

Jeremia 31,25 – Ursprünglicher Text (Biblia Hebraica Stuttgartensia):

כִּ֥י הִרְוֵ֖יתִי נֶ֣פֶשׁ עֲיֵפָ֑ה וְכָל־נֶ֥פֶשׁ דָּאֲבָ֖ה מִלֵּֽאתִי׃

Übersetzung Jeremia 31,25 (Elberfelder 2006):

Denn ich habe die erschöpfte Seele reichlich getränkt und jede schmachtende Seele gefüllt.

Semantisch-pragmatische Kommentierung der Schlüsselwörter

  • הִרְוֵ֖יתִי (hirwêtî) – „ich habe getränkt / reichlich erfrischt“: Das Verb רוה (rwh) im Hifil bezeichnet das Durchtränken, Erfrischen, Laben – nicht oberflächlich, sondern so, dass ein existentieller Mangel ausgeglichen wird. Es geht um das Satttrinken, ein durch und durch sattes Durchatmen – wie ein ausgedörrter Boden, der endlich Regen bekommt. Das Bild ist nicht nur von Flüssigkeit, sondern von Fülle und tiefer, nachhaltiger Befriedigung. Die Prägung ist existenziell, fast überlebenswichtig – kein Wellness, sondern Rettung aus Erschöpfung.
  • נֶ֣פֶשׁ (nepeš) – „Seele, Leben, Person“: Nepeš umfasst im Hebräischen viel mehr als unsere moderne „Seele“. Es ist das atmende, lebendige Wesen, das Zentrum von Verlangen, Bedürfnis, Sehnsucht, aber auch Schwäche und Erschöpfung. Nepeš kann Hals oder Kehle bedeuten (wenn man nach Luft schnappt!), aber auch die Person in ihrer Verletzlichkeit – der hungrige, dürstende, bedürftige Mensch. Die „erschöpfte Seele“ meint hier nicht einfach einen frommen Begriff, sondern das zutiefst verletzliche, ausgelaugte Ich.
  • עֲיֵפָ֑ה (ʿăyēpâ) – „müde, erschöpft“: Dieses Adjektiv beschreibt den Zustand völliger Kraftlosigkeit. Es geht um physische, psychische und geistliche Müdigkeit – nach Hunger, Durst, Wegstrecke oder Lebenskrise. ʿăyēpâ steht für das Gefühl, nicht mehr zu können; alle Reserven sind aufgebraucht. Die biblische Bildwelt knüpft daran Erschöpfung durch Kampf, Wüstenwanderung oder langes Leiden.
  • דָּאֲבָ֖ה (dāʾăbâ) – „schmachten, verschmachten“: Dieses Wort ist stärker als bloße Müdigkeit: Es steht für ein schmerzliches, manchmal krankhaftes Schmachten, für Vergehen vor Sehnsucht, Trauer, Krankheit oder Mangel. Die Seele, die hier verschmachtet, ist am Ende – sie ist von innen heraus leer, wie ein ausgetrockneter Schwamm. Das hebräische Wort trägt den Beigeschmack von Kummer und Zerbrochenheit.
  • מִלֵּֽאתִי (millēʾtî) – „ich habe gefüllt, erfüllt“: Das Verb מלא (mlʾ) im Piʿel steht für das kräftige, betonte Füllen – wie einen leeren Krug, der randvoll gemacht wird. Im Kontext ist es eine Zusage, den tiefsten Mangel tatsächlich zu erfüllen – keine Restposten-Verheißung, sondern volles Aufatmen, echtes „Sattwerden“. Gott stillt nicht nur ein bisschen, sondern füllt auf, bis nichts mehr fehlt.

Damit öffnet sich die Tür für den theologischen Kommentar: Jetzt geht es darum, wie diese Worte als Verheißung und als Charakter Gottes für erschöpfte Menschen gelesen und ausgelegt werden können.

Ein Kommentar zum Text:

Theologische Grundlage

Wer Jeremia 31,1–26 liest, spürt sofort eine Spannung: Der Text bleibt nicht an der Oberfläche. Er führt hinein in das Tal der Erfahrung von Erschöpfung, Zerbruch und der fast verzweifelten Frage, ob Gott noch da ist. „Denn ich habe die erschöpfte Seele reichlich getränkt und jede schmachtende Seele gefüllt.“ (Jeremia 31,25) Diese Zusage steht als solide Verheißung da, die das Leben von Menschen im Exil radikal neu rahmt. Der hebräische Urtext spricht von נֶפֶשׁ (nepeš – „Seele, Leben, Person“), von עֲיֵפָה (ʿăyēpâ – „müde, erschöpft“), von דָּאֲבָה (dāʾăbâ – „verschmachten, krank sein“) und von zwei starken Verben: הִרְוֵיתִי (hirwêtî, Hifil-Perfekt 1. Pers. Sg. – „ich habe reichlich getränkt, erquickt“) und מִלֵּֽאתִי (millēʾtî, Pi’el-Perfekt 1. Pers. Sg. – „ich habe gefüllt, erfüllt“). Es sind Begriffe, die in ihrer grammatischen Form nicht nur punktuelle Handlung, sondern prophetisch vollendete Realität (futurum propheticum) anzeigen: Was Gott zusagt, hat Gewicht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die grammatische Intensität der Verben ist theologisch entscheidend: hirwêtî im Hifil (Kausativstamm) betont, dass Gott aktiv etwas tut, was der Mensch nicht kann – er erquickt nicht nebenbei, sondern durchdringend, vollständig, als schöpferische Tat. Millēʾtî im Pi’el (Intensivstamm) macht deutlich, dass Gottes Füllen keine oberflächliche „Zugabe“ ist, sondern eine durchgreifende Befriedigung bis in die Tiefe des Lebenshungers. Der Kontext dieser Verheißung bleibt historisch-konkret: Israel steht im Exil, der Tempel liegt in Trümmern, die Identität ist erschüttert. Es geht um das Überleben als Gottesvolk in einer Welt, in der alles Vertraute zerbrochen ist.

Die historisch-grammatikalische Methode nach der ich mich richte verlangt, dass wir den Text in seinem literarischen und heilsgeschichtlichen Zusammenhang wahrnehmen. Jeremia 31 steht inmitten der sogenannten „Trostbücher“ Jeremias (Kapitel 30–33) und bildet das Zentrum einer chiastischen (spiegelbildlichen) Komposition, deren Mitte (Vers 15–17) das Weinen Rahels um ihre Kinder markiert. Rahel, eine der Ahnmütter Israels, steht hier für den Schmerz eines Volkes, das alles verloren hat. Die Struktur der Perikope rahmt das Trostwort in einen doppelten Exodus: Es gibt ein Herausführen aus dem alten Elend – aber die eigentliche Wende ist die Umkehr zu Gott, die auf seine Initiative hin geschieht. Gott bleibt das handelnde Subjekt – Israel ist das empfangende, oft ohnmächtige „Du“.

Die Autoren ringen an dieser Stelle mit der Spannung zwischen Gottes Initiative und menschlicher Ohnmacht. Wood & McLaten schreiben: „Es ist nicht das Rückgrat Israels, das sich aufrichtet – es ist die Hand Gottes, die hebt.“ (Jeremia) – damit ist gemeint, dass jede Hoffnung auf Neuanfang nicht im eigenen Vermögen gründet, sondern ganz auf das schöpferische Handeln Gottes angewiesen bleibt. Kroeker bringt es auf den Punkt: „Gott geht ihnen wie der Vater dem verlorenen Sohne entgegen und schließt die Weinende in die Arme seiner Liebe.“ (Jeremia Der Prophet). Das Bild erinnert an das Gleichnis Jesu in Lukas 15 – der verlorene Sohn wird nicht belohnt, weil er heimkehrt, sondern weil der Vater schon längst auf ihn wartet. Hier berührt Jeremia die Soteriologie – die Lehre vom Heil: Rettung ist ein Geschenk Gottes, keine Errungenschaft des Menschen.

Die ganzheitliche Erquickung wird von den Autoren die ich konsultiert habe verschieden gedeutet, aber niemand belässt sie im Spirituellen. Keil & Delitzsch sprechen von einer Erneuerung, „die Leib und Seele umfasst“ und beschreiben, dass Gott „nicht nur materiell, sondern wie ein Hirte für sein Volk sorgt – die Bilder von Wasserbächen und gut bewässertem Garten stehen für eine Erneuerung, die das ganze Leben umfasst.“ (Commentary on Jeremiah). Das Motiv vom „wohlbewässerten Garten“ (Jeremia 31,12) ist ein Echo des Schöpfungsberichtes und verweist auf die Schöpfungstheologie: So wie Gott am Anfang das Chaos ordnet und Leben schafft (Genesis 2,8–10), so bringt er im Exil neues Leben hervor. Diese Parallele ist für meine Hermeneutik zentral: Die Bibel liest Geschichte immer als Bewegung vom Verlorengehen zur Wiederherstellung – sei es im Schöpfungsauftrag, im Exodus, in der Rückkehr aus dem Exil oder in der Hoffnung auf die endgültige Erneuerung am Ende der Zeit.

Die Diskussion um die Diesseitigkeit oder Geistigkeit der Verheißung spitzt sich bei den Autoren zu. Jamieson, Fausset & Brown betonen: „Die Metapher vom wohlbewässerten Garten zeigt: Gott füllt nicht nur die Speicher, sondern die Seelen.“ (Commentary Critical and Explanatory on the Whole Bible). Longman macht deutlich: „The exhausted soul is not merely tired – it is emptied by exile, trauma, and loss of purpose.“ (Jeremiah). Thompson argumentiert ähnlich: „Die erschöpfte und schmachtende Seele steht für Menschen am Ende ihrer Kräfte – Gott verspricht ihnen Sättigung und Erfrischung.“ (The Book of Jeremiah). Die Aussage ist keine Vertröstung: Die Verheißung betrifft das reale Leben – Hunger, Durst, Erschöpfung – und geht zugleich darüber hinaus, indem sie auf die innere, existenzielle Not des Menschen abzielt.

Aus meiner Perspektive ist dieses Zusammenspiel von äußerer Wiederherstellung und innerer Erneuerung grundlegend. Das Verständnis vom „Bund“ ist für mich nie bloß ein historisches Ereignis, sondern eine bleibende Zusage Gottes – die innere Erneuerung des Herzens (vgl. Jeremia 31,31–34), die Jesus im Neuen Bund bestätigt (Matthäus 26,28), und die durch den Geist Gottes im Menschen wirksam wird (2. Korinther 3,3). Der Gedanke, dass Gottes Gesetz nicht mehr auf Steintafeln, sondern „ins Herz geschrieben“ wird, prägt meine adventistische Identität – Gottes Wille wird zur inneren Kraft, nicht zum äußeren Druck. Die Erquickung der Seele verweist für mich auf diese Verwandlung: Der Glaube ist mehr als ein System von Regeln oder eine Ethik. Er ist Teilnahme an Gottes Schöpfungskraft, eine Wiederherstellung des Bildes Gottes im Menschen.

Die Perikope fordert aber auch theologische Redlichkeit: Nicht jede Rückkehr endet im Happy End. Die Erfahrung von Erschöpfung, von Ohnmacht und Schuld bleibt präsent. Die Mitte der chiastischen Struktur – Rahels Weinen – ist das Eingeständnis, dass Schmerz und Verlust einen Platz im Heilsgeschehen haben. Kroeker formuliert: „Tränen, die Babel nicht trocknen konnte, wird der Herr trocknen. Seufzer, die in der Fremde nicht verstummten, wird er in ein Frohlocken verwandeln.“ (Jeremia Der Prophet). Damit ist kein automatischer Trost gemeint, sondern die Hoffnung, dass Gott auch den ungelösten Schmerz nicht ignoriert.

Das Verhältnis von individueller und kollektiver Verheißung bleibt eine offene Bruchstelle. Longman und Thompson betonen, dass Jeremia nicht nur das Volk als Ganzes anspricht, sondern jede einzelne „Seele“ (nepeš). Die Zusage „ich habe jede schmachtende Seele gefüllt“ bleibt so für jeden offen, der sich im Exil des Lebens wiederfindet. Meine Theologische Tradition sieht darin einen Hinweis auf die Universalität des Evangeliums: Gottes Heil gilt dem Einzelnen wie der Gemeinschaft – niemand geht verloren, ohne dass Gott sucht (vgl. Lukas 15,4–7).

Einen weiteren Bruchpunkt bildet die Spannung zwischen schon erfüllter und noch ausstehender Verheißung („already–not yet“). Die Autoren verhandeln diese Spannung unterschiedlich: Keil & Delitzsch sehen im Exil und der Rückkehr eine Vorwegnahme der endzeitlichen Wiederherstellung – „Die Erquickung… ist Vorbote und Vorbild für das kommende Verhältnis Gottes zu seinem Volk.“. Jamieson, Fausset & Brown betonen, dass „diese Erquickung Vorgeschmack und Fundament für den Neuen Bund ist, in dem Gottes Gegenwart dauerhaft beim Menschen bleibt.“. Für mich ist das mehr als ein Trost für den Augenblick: Es ist ein Ruf zur Hoffnung, dass Gottes Handeln am Menschen nicht abgeschlossen ist, solange die Geschichte noch offen bleibt (vgl. Offenbarung 21,5).

Der Kommentar bleibt nicht frei von ungelösten Fragen. Wie konkret ist die Verheißung gemeint? Geht es um äußeren Wohlstand, um innere Erneuerung, um beides? Muss ich mich verirren und heimkehren, um zu erleben, dass Gott füllt – oder reicht es, dass ich mich täglich nach ihm sehne? Welche Rolle spielt mein eigenes Tun, wenn doch Gott die Initiative hat? Die Autoren widersprechen sich an manchen Punkten, und das ist fruchtbar: Die Spannung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Geschichte, zwischen Gottes souveränem Handeln und menschlicher Sehnsucht bleibt stehen. Für meine Hermeneutik ist diese Spannung nicht bedrohlich, sondern schöpferisch: Glaube lebt in der Spannung von Verheißung und Erfüllung, von Schon-Jetzt und Noch-Nicht. Vertrauen und Glaube.

Für mich gilt, Sola Scriptura – nur die Schrift – bleibt der Grundsatz. Die Hoffnung auf Erquickung, auf Fülle, auf neue Identität ist im gesamten biblischen Zeugnis verankert: In den Psalmen („Er führt mich zu stillen Wassern, er erquickt meine Seele“ – Psalm 23,2–3), im Neuen Testament („Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid… ich will euch Ruhe geben“ – Matthäus 11,28), im Ausblick auf die neue Schöpfung („Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten… Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“ – Offenbarung 7,16–17). Jeremia 31,25 steht nicht isoliert, sondern bildet eine Linie mit dem Exodus, mit der Rückkehr aus Babylon, mit der Verkündigung Jesu, mit der Hoffnung auf die Vollendung der Weltgeschichte.

Am Ende bleibt für mich eine offene theologische Frage: Wie halte ich es aus, wenn die Zusage Gottes „ich habe dich erquickt und gefüllt“ sich im Moment meines Lebens nicht als fühlbare Wirklichkeit zeigt? Kann Glaube daran wachsen, auch wenn die Erfahrung ausbleibt – oder ist gerade das die „Heilsgeschichte“ meines Lebens?

Zentrale Punkte der Ausarbeitung

  1. Gottes Trost zielt auf echte Erschöpfung – nicht auf Scheinlösungen. – Jeremia 31,25 trifft mitten ins echte Leben: Gott spricht die Müden, Erschöpften und Leeren an – nicht die Starken oder die, die alles im Griff haben. – Es geht nicht um Vertröstung, sondern um eine Zusage, die das Leben dort berührt, wo Menschen ehrlich an ihre Grenzen kommen.
  2. Die Verheißung ist konkret – für Leib, Seele und Alltag. – Die hebräischen Begriffe machen deutlich: Gott meint das Ganze – Hunger, Müdigkeit, Sehnsucht, Lebensdurst, Ohnmacht. – Die Zusage gilt nicht nur als fromme Idee, sondern reicht hinein in Alltag, Beziehungen, Routinen und leise Not.
  3. Gottes Initiative ist stärker als mein Vermögen.Die Umkehr und Erquickung kommen nicht aus eigener Kraft, sondern sind Geschenk. Gott bleibt das handelnde Subjekt, auch wenn ich schwach bin oder nicht mal mehr weiß, wie „zurück“ geht. – Das entlastet und öffnet einen Raum, in dem ich ehrlich mit meiner Schwäche sein darf.
  4. Hoffnung beginnt nicht erst am Ziel, sondern im Moment der Schwäche. – Die Zusage von Erquickung und Sättigung gilt mitten im Exil, in der Erschöpfung, im Bruch – nicht erst, wenn alles wieder funktioniert. – Es ist okay, noch unterwegs zu sein, nicht perfekt zu glauben, Zweifel und Müdigkeit zu spüren.
  5. Jede und jeder ist gemeint – persönlich und gemeinsam. – Jeremia 31,25 spricht die „erschöpfte Seele“ an, aber die ganze Perikope ruft zur Heimkehr aller: Trost ist kein Privileg für Einzelne, sondern Einladung für Gemeinschaft. – Der Text schafft einen Resonanzraum, in dem sich die Verwundeten, Suchenden, Skeptiker:innen und Alltagstragenden wiederfinden dürfen.

Warum ist das wichtig?

  • Es nimmt den Druck, immer stark oder geistlich sein zu müssen. – Die Zusage richtet sich an das Echte, Unfertige, Verletzliche – und genau da beginnt Hoffnung.
  • Es macht den Glauben lebensnah. – Wer ehrlich wird, findet Trost nicht im „besser funktionieren“, sondern im Angenommen-Sein.
  • Es eröffnet einen neuen Blick auf Gemeinschaft. – Schwäche, Zweifel und Erschöpfung werden nicht versteckt, sondern als Teil des Weges gemeinsam getragen.

Mehrwert:

  • Glaube bekommt Bodenhaftung und Tiefe. – Jeremia 31,25 lädt ein, aus der eigenen Müdigkeit keinen Makel, sondern einen Raum für Gottes Wirken zu machen.
  • Die Einladung gilt allen, egal wie viel oder wenig Hoffnung noch da ist. – Das verändert, wie wir einander begegnen – im Alltag, im Glauben, in Gemeinschaft.

Kurz: Gott fängt dort an, wo wir nicht mehr weiterwissen – und genau da beginnt neue Hoffnung.