Das Bambusboot-prinzip: 3 Sachen die du 2026 nicht mehr brauchst

Gedanken zu Genesis 1,1–2,3 zum Jahresanfang

Am Anfang – sagt die Bibel – steht kein perfektes Bild.

Und das beruhigt mich mehr, als es vielleicht sollte.

Am Anfang steht Gott.

Und daneben stehen Dinge, die wir normalerweise lieber ausblenden: Finsternis. Tiefe. Fluten. Ungeordnetes.

Genesis klingt nicht wie ein Hochglanz-Start, sondern wie: Da ist Chaos – und Gott ist trotzdem da. (Gen 1,2)

Dieses „trotzdem“ hat für mich Gewicht.

Nicht als frommer Satz.

Sondern wie ein leiser Halt, wenn man merkt: Das neue Jahr ist nicht automatisch neu – nur weil der Kalender es sagt.

Ich merke: Jahresanfänge sind selten sauber.

Manche Menschen kommen aus Monaten, die sich wirklich „wüst und leer“ angefühlt haben.

Andere sind nicht im Chaos, sondern im Funktionieren. Alles läuft. Aber innen ist es still. Und ein bisschen leer.

Und wieder andere sind einfach müde – nicht dramatisch, aber auch nicht lebendig.

Ich kenne all diese Zustände.

Manchmal in einem einzigen Monat.

Und ich glaube, genau da setzt Genesis 1 für mich an:

Nicht an einem idealen Startpunkt.

Sondern mitten im Unfertigen.

Nicht um zu sagen: „Das ist okay, bleib so.“

Sondern um zu zeigen: Gott fängt genau dort an.

1. Feuerwerk und der Morgen danach

Silvester ist für mich ein komisches Fest.

Man will nicht zu spät essen, weil’s sonst schwer liegt.

Man hängt irgendwo zwischen „zu müde“ und „zu voll“.

Und man tut so, als wäre Mitternacht ein magischer Schalter.

Dann kommt das Feuerwerk.

Licht. Farben. Lärm.

Und für ein paar Minuten fühlt es sich an, als könnte wirklich etwas Neues beginnen.

Ich erinnere mich an früher – vor meiner Kirchzeit.

Da war Silvester oft ein Versuch, den Übergang zu übertönen.

Party, Alkohol, irgendwann schlafen, am nächsten Tag mit einem Kopf wie Beton.

Als müsste man nur laut genug sein, damit man nichts spürt.

Heute sehe ich etwas anderes: den Morgen danach.

Die Straßen sind voll. Müll.

Konfetti, das klebt.

Raketenstöcke.

Flaschen, Reste.

Und ich denke jedes Mal: Das Jahr fängt mit Aufräumen an.

Ganz ohne Symbolik. Einfach echt.

Feuerwerk ist für mich ein Bild für Hoffnung.

Wir wünschen uns Gutes. Wir sehnen uns nach einem besseren Jahr.

Und das ist nicht falsch.

Aber der Morgen danach ist ein Bild für Realität.

Da liegt noch Zeug rum.

Und innerlich ist das genauso.

Ein Countdown räumt nichts weg.

Nicht Schuld. Nicht Überforderung. Nicht alte Muster. Nicht diese „Ich sollte eigentlich…“-Gedanken.

Und ich sitze dann da mit diesen ziemlich ehrlichen Fragen:

  • Wo ist mein persönlicher Morgen danach?
  • Wo liegt innerlich noch Müll vom letzten Jahr, obwohl das Feuerwerk längst vorbei ist?

Und genau da merke ich:

Wenn ich jetzt mit großen Vorsätzen antworte, überrolle ich mich selbst.

Ich brauche etwas Kleineres. Etwas Ehrlicheres.

Nicht „alles neu“. Sondern ein Schritt.

Mir hilft dabei ein Gedanke, den ich ursprünglich aus dem Buch Atomic Habits von James Clear kenne: Wenn du dich jeden Tag nur um 1% veränderst, passiert über Zeit wirklich etwas.¹

Ich nenne es für mich einfach: 1% reicht.

Nicht weil ich klein denken will.

Sondern weil ich endlich realistisch geworden bin.

Und weil ich glaube:

Gott arbeitet oft nicht im Feuerwerk.

Sondern im treuen Schritt.

Ein Prozent.

Heute.

2. Das Bambusboot – und warum ich es trotzdem schleppe

Hier kommt für mich die Bambusboot-Metapher rein.

Ich stelle mir vor: Ich gehe meinen Weg.

Und plötzlich ist da ein Fluss. Reißend. Kein Weg außenrum.

Und ich kann nicht einfach so hinüber.

Zum Glück wächst überall Bambus.

Also baue ich mir ein Boot.

Nicht schön. Nicht perfekt. Aber es trägt mich.

Es rettet mich. Es bringt mich rüber.

Und das ist wichtig:

Das Boot ist nicht mein Ziel.

Es ist ein Mittel für eine Etappe.

Und dann – drüben angekommen – passiert etwas, das ich viel zu gut kenne:

Ich packe das Boot auf den Rücken.

Weil ich denke: Vielleicht kommt ja noch ein Fluss.

Weil ich mich an das Boot gewöhnt habe.

Weil ich Angst habe, ohne dieses Ding nicht klarzukommen.

Und ja – das nächste Hindernis kommt.

Aber es ist kein Fluss.

Es ist ein Berg.

Und plötzlich wird das Boot, das mich gerettet hat, zur Last.

In der Geschichte wäre es klar: Boot absetzen.

In meinem echten Leben ist es nicht so klar.

Weil ich nicht nur ein Boot trage, sondern Erinnerungen. Investitionen. Anstrengung. Gefühle.

Ich glaube, genau hier wird die Metapher geistlich:

Loslassen ist nicht Undankbarkeit.

Loslassen ist Vertrauen.

Nicht weil das Alte schlecht war.

Sondern weil die Strecke sich verändert hat.

3. Genesis 1 – Wasser, Raum, Land

Und jetzt wird Genesis 1 für mich plötzlich nicht nur Schöpfungsgeschichte, sondern Wegbeschreibung.

Am Anfang ist da Wasser.

Wasser über Wasser.

Und Finsternis.

Ich lese das – und ich denke: Das ist Überlebensmodus.

Das ist dieses Gefühl, wenn du nur noch schwimmst.

Wenn du nur noch durchkommst.

Wenn du nicht mehr lebst, sondern funktionierst.

Und genau dort heißt es: Der Geist Gottes schwebt über dem Wasser. (Gen 1,2)

Nicht später.

Nicht wenn’s ordentlich ist.

Schon dort.

Dann schafft Gott eine Wölbung.

Er trennt Wasser von Wasser.

Ich merke, wie sehr mich das anspricht: Gott schafft Raum.

Raum zum Atmen.

Vielleicht ist das der erste Schritt aus dem Überlebensmodus:

Nicht mehr Leistung.

Nicht mehr Tempo.

Sondern ein Raum, in dem ich wieder atmen kann.

Und dann: Gott sammelt das Wasser – und Land wird sichtbar. (Gen 1,9)

Land. Boden. Stand.

Ich brauche das Bild.

Weil ich oft denke, ich müsste alles selbst stabil machen.

Und Genesis sagt mir: Gott bringt Boden hervor.

Nicht ich.

Und dann kommt Fülle.

Pflanzen. Bäume. Frucht. Schönheit. (Gen 1,11–12)

Nicht nur Ordnung.

Nicht nur „es funktioniert wieder“.

Sondern: Leben, das trägt. Leben, das wächst.

Und ich höre in mir diesen Satz von Jesus: Leben in Fülle. (Joh 10,10)

Ich bin nicht für den Überlebensmodus geschaffen.

Ich bin auch nicht für den Dauerstress geschaffen.

Ich bin für Fülle geschaffen. Für Beziehung. Für Rhythmus.

Und das ist der Punkt, wo ich mein Bambusboot wieder sehe:

Das Boot ist für Wasser.

Nicht fürs Land.

Wenn Gott Land sichtbar macht – dann ist das nicht der Moment, das Boot noch fester auf den Rücken zu schnallen.

Dann ist das der Moment, es abzustellen.

4. Der Berg – und die Würde, Nein sagen zu dürfen

Und dann kommt der Berg.

Nicht als Strafe.

Sondern als nächste Etappe.

Berge sind nicht böse.

Aber sie sind ehrlich.

Da merkst du, was du trägst.

Und da wird es persönlich:

Was trage ich gerade, das mir im Wasser geholfen hat – aber am Berg nur noch schadet?

Welche Rolle? Welche Gewohnheit? Welche Beziehung? Welches Ziel?

Was war mal ein Boot – und ist jetzt nur noch Gewicht?

Ich merke: Das Schwierige ist nicht zu erkennen, dass etwas schwer ist.

Das Schwierige ist zu glauben, dass ich es loslassen darf.

Weil ich so oft gelernt habe: Aufgeben ist Schwäche.

Durchziehen ist Stärke.

Aber Genesis erzählt mir eine andere Stärke:

Gott schafft Grenzen. Trennungen. Rhythmen. (Gen 1)

Nicht alles bleibt.

Nicht alles geht weiter.

Und dann kommt der Mensch als Ebenbild Gottes. (Gen 1,26–27)

Das ist für mich ein Satz, der meine Würde rettet, wenn ich sie gerade wieder am Verbrauchen bin.

Mein Wert hängt nicht daran, wie viel ich schleppe.

Mein Wert hängt daran, wem ich gehöre.

Und darum ist Loslassen manchmal nicht das Ende von Treue, sondern der Anfang von Wahrheit.

Diggi… manchmal ist Loslassen einfach nur: endlich peilen, dass Gott nicht verlangt, dass ich mich kaputt mache.

Und dass „treu“ nicht heißt: „für immer alles behalten“.

Sondern: auf dem Weg bleiben – mit leichtem Herzen.

5. Sabbat – die heilige Unterbrechung

Und dann endet Genesis 1 nicht mit „und jetzt gib Gas“.

Sondern mit Ruhe.

Gott ruht. Er segnet den siebten Tag. Er heiligt ihn. (Gen 2,1–3)

Das ist für mich nicht Deko.

Das ist Zentrum.

Sabbat ist nicht Sonntag.

Sabbat ist Gottes Rhythmus, der in die Welt hineingesprochen wird wie ein sanfter Stopp.

Nicht um mich zu bremsen.

Sondern um mich zu retten.

Sabbat ist diese andere Realität:

Du bist nicht die Quelle.

Du bist nicht das Zentrum.

Du bist nicht verantwortlich für alles.

Und genau da – in dieser Ruhe – merke ich oft erst, was ich trage.

Und was ich absetzen darf.

6. Dein Chaos als Startpunkt

Vielleicht ist das für mich der überraschendste Satz am Anfang der Bibel:

Chaos disqualifiziert dich nicht.

Es ist oft genau der Ort, an dem Gott beginnt.

Nicht wenn du perfekt bist.

Nicht wenn du alles sortiert hast.

Sondern jetzt.

Feuerwerk vergeht.

Der Müll bleibt erstmal liegen.

Vorsätze halten selten lange.

Aber Gott bleibt.

Und er ist nicht nur Gott des Lichts, sondern auch Gott, der über dem Wasser schwebt. (Gen 1,2)

Vielleicht ist dein Schritt heute nicht groß.

Vielleicht ist er sogar so klein, dass du ihn fast unterschätzt.

Aber genau das könnte Gottes Weg sein:

nicht der große Sprung, sondern die treue Bewegung.

Ein Prozent.²

Ein Prozent könnte sein:

  • eine Dunkelheit nicht mehr zu verstecken,
  • eine Last bewusst aus dem Bambusboot zu nehmen,
  • das Boot abzustellen, weil jetzt Land ist,
  • oder einfach zu sagen: „Gott, ich brauche dich.“

Und vielleicht ist das schon der Anfang von Ordnung.

Nicht in einem Tag.

Aber Tag für Tag.

Finsternis herrschte – aber der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. (Gen 1,2)

Und wenn Gott dort ist,

dann ist er auch hier.

Quellenhinweise:

¹ Das „1%-Prinzip“ ist als populäres Konzept vor allem durch James Clear bekannt geworden (Atomic Habits, 2018).

² Die Bambusboot-Metapher wird in moderner Lebenshilfe und Storytelling häufig als Bild für „Loslassen“ verwendet; sie dient hier als Gleichnis für Etappen im Leben (Fluss – Land – Berg).