Es beginnt selten mit einer großen Offenbarung.
Oft ist es nur eine kleine Nachricht, die anklopft und mehr in Bewegung setzt, als man im ersten Moment erwartet.
Diesmal war es eine einfache Zeile:
„Hey Dante! Alles gut bei dir?“
Ich schrieb: „Klar, warum?“
Die Antwort kam sofort, direkt, ohne Umschweife:
„Weil du in letzter Zeit keine Andacht mehr geschrieben hast…“
Ich antwortete:
„Weil ich meine Axt schärfe.“
Ein paar Sekunden Stille.
Dann die Nachfrage, die mich gleichzeitig schmunzeln und nachdenken ließ:
„Du schärfst deine… Axt? Was hat das denn mit Andachten zu tun?“
Es ist ein Gedanke, den ich bei Stephen Covey gelesen habe:
Ein Holzfäller hackt stundenlang auf einen Baum ein.
Jemand sieht ihn, bleibt stehen und sagt:
„Warum schärfst du nicht erst deine Axt?“
Und der Holzfäller antwortet – beinahe trotzig, aber ehrlich:
„Dafür habe ich keine Zeit.“
Dieser Satz trägt eine leise Wahrheit, die uns begleitet wie ein Schatten im Alltag.
Wir arbeiten. Wir leisten. Wir hacken weiter.
Und merken oft erst spät, dass das Werkzeug, mit dem wir leben, arbeiten, glauben, eintauchen, müde geworden ist.
Diese eine Nachricht wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Vielleicht, weil ich sie brauchte.
Vielleicht, weil andere sie auch brauchen.
Vielleicht, weil wir alle irgendwann an diesem Punkt stehen:
„Wann kommt der nächste Impuls?“ – und gleichzeitig:
„Wann habe ich eigentlich das letzte Mal meine eigene Axt geschärft?“
Schärfen ist nicht Flucht
Es gibt eine leise, aber entscheidende Unterscheidung, die ich erst lernen musste:
Nicht alles, was sich nach Pause anfühlt, ist Erholung.
Manches ist nur Ablenkung in weichen Farben.
Ablenkung betäubt.
Erholung klärt.
Ablenkung sagt: „Ich will weg.“
Axtschärfen sagt: „Ich will wieder frei sehen.“
Zwischen beiden liegt ein großer Unterschied.
Der eine hält uns beschäftigt, der andere macht uns bereit.
Ich frage mich oft:
Merke ich nach meiner „Pause“, dass ich klarer bin – oder einfach nur leerer?
Hat sich etwas geschärft – oder bin ich nur weiter weggelaufen?
Es lohnt sich, diese Fragen nicht als Urteil, sondern als Einladung zu stellen.
Jesus und der Rhythmus des Ein- und Ausatmens
Wenn ich über Schärfen nachdenke, komme ich unweigerlich zu Jesus.
Nicht zu seinen großen Worten oder Heilungen – sondern zu seinen stillen Momenten.
Lukas beschreibt es so schlicht wie tief:
„Er aber zog sich in die einsamen Gegenden zurück und betete.“ (Lk 5,16)
Das klingt nach Rückzug, aber es ist keiner.
Es klingt nach Pause, aber es ist Beziehung.
Es klingt nach Stille, aber es ist Nähe.
Die Parallelen in Mk 1,35 und Mt 14,23 erzählen denselben Rhythmus:
erst Stille, dann Aufgabe.
erst Einatmen, dann Ausatmen.
Wenn Jesus diesen Rhythmus brauchte, wie viel mehr brauchen wir ihn?
Was bedeutet Axtschärfen eigentlich – wirklich?
Ich habe gemerkt, dass diese Frage persönlicher ist, als sie klingt.
Ist es Gebet?
Ist es die Bibel?
Ist es ein stiller Spaziergang, der mein Inneres wieder hörbar macht?
Ist es ein gutes Gespräch, das nicht bewertet, sondern begleitet?
Ist es das Lesen eines Buches, das mein Denken mit Gott verbindet?
Ich glaube an die Kraft des Lesens.
An die Bibel – weil sie uns erinnert, wer wir sind.
Aber auch an Texte, die uns auf sanfte Weise wieder mit Wahrheit und Liebe zusammenbringen.
Denn Wahrheit ohne Liebe wird hart.
Und Liebe ohne Wahrheit wird weich und formlos.
Aber zusammen – Wahrheit und Liebe – schärfen uns so, wie eine Axt geschärft wird:
mit Klarheit, mit Wärme, mit Richtung.
Darum lohnt es sich, zu fragen:
Was in deinem Leben führt dich näher zu Gott – zu Wahrheit, zu Liebe?
Und genauso ehrlich:
Was lenkt dich nur ab, ohne dich zu erneuern?
Die Axt wird nicht von selbst scharf.
Und unser Inneres auch nicht.
Warum ich diesen Moment nicht verpassen wollte
Ich hätte der Nachricht einfach antworten können.
Ein „Alles gut, ich schreibe bald wieder“ hätte gereicht.
Aber etwas in mir sagte:
Nutze das. Schreib darüber. Teil es.
Denn vielleicht sind wir alle ein bisschen wie der Holzfäller –
in Bewegung, aber nicht unbedingt in Richtung.
Und vielleicht braucht jemand nicht die nächste Andacht,
sondern diese kleine Frage:
Nimmst du dir Raum, deine Axt zu schärfen? Oder hackst du nur weiter?
Ich schreibe das nicht als jemand, der es schon gemeistert hat.
Ich schreibe es als jemand, der mittendrin steht –
mit einer Axt, die immer wieder stumpf wird,
mit einer Seele, die manchmal nach Stille ruft,
mit einem Glauben, der geatmet werden will.
Ein stiller Schluss
Ich wünsche dir Gottes reichen Segen.
Nicht nur für das, was du tust,
sondern vor allem für das, was du lässt.
Ich wünsche dir Momente, die nicht ablenken, sondern erneuern.
Momente, in denen dein Herz schärfer wird,
dein Atem tiefer,
dein Blick klarer.
Und vielleicht – ganz leise – beginnt genau dort dein nächster Schritt:
in der Stille,
im Einatmen,
im Schärfen,
im Wiederfinden von Wahrheit und Liebe.
