Matthäus 5,6 Satt. Noch nicht. Hoffnung. → „Glücklich sind, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn sie sollen satt werden.“

Fettgedrucktes für schnell Leser…

Einleitender Impuls:

Du kannst satt sein und trotzdem leer. Oder leer und trotzdem lebendig. Jesus sagt nicht: Glücklich sind die, die alles haben – sondern: Glücklich sind die, die hungern. Das ist verrückt. Und herausfordernd. Denn ehrlich: Wer will das schon? Hunger nach Gerechtigkeit fühlt sich nicht gut an. Er brennt. Er macht unruhig. Und manchmal auch wütend. Aber genau diesen Hunger nennt Jesus „glückselig“. Nicht, weil er schön ist – sondern weil er dich wach hält für das, was wirklich zählt.

Im Urtext steht hier dikaiosynē – das meint nicht einfach Fairness oder Ausgleich, sondern Gottes Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, die nicht von dieser Welt ist. Sie heilt, was kaputt ist. Sie stellt wieder her, was zerbrochen ist. Und sie beginnt nicht mit Systemen, sondern mit Menschen – mit dir. Für mich ist bedeutet das: Ich glaube, dass diese Verheißung keine Metapher ist. Ich erwarte einen „neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petrus 3,13). Und bis dahin? Bleibt dieser Hunger ein heiliger Schmerz.

Jesus lobt nicht die Starken. Er segnet die, die es kaum noch aushalten – aber nicht aufhören zu hoffen. Vielleicht bist du gerade da: leer, unruhig, hungrig. Und du fragst dich, ob Gott das sieht. Ich glaube: Ja. Er sieht es. Und er wird dich nicht leer lassen. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht so, wie du es erwartest. Aber er hat es versprochen: Du wirst satt. Nicht von dem, was die Welt dir gibt – sondern von dem, was bleibt.

Gott kennt deinen Hunger. Er bleibt dir treu.

Wovor hast du mehr Angst – dass dieser Hunger nie gestillt wird, oder dass du ihn irgendwann nicht mehr spürst?

Ich stelle dir diese Frage, weil ich glaube: Gottes größter Wunsch ist nicht, dass du nach den Maßstäben unserer Gesellschaft perfekt bist – sondern dass du lebendig bleibst. Und nichts macht dich lebendiger als der Hunger nach dem, was wirklich gerecht ist.

Fragen zur Vertiefung oder für Gruppengespräche:

  1. Wofür in deinem Leben spürst du gerade Hunger – auch wenn du ihn nicht sofort deuten kannst? Diese Frage möchte dich nicht auf eine Antwort festlegen, sondern dir erlauben, ehrlich hinzuhören, wo du leer bist – ohne gleich erklären zu müssen, warum.
  2. Wann warst du das letzte Mal mutig genug, deine Sehnsucht nicht mit Aktion zu beantworten – sondern einfach mit Aushalten? Diese Frage hilft, geistliches Warten als bewusste Entscheidung zu sehen – nicht als Schwäche, sondern als Ausdruck von Vertrauen.
  3. Was, wenn dein innerer Hunger nicht dein Problem ist – sondern Gottes Einladung, dir mehr von sich selbst zu zeigen? Diese Frage öffnet einen Raum für neue Perspektiven: Vielleicht ist das, was du „Unruhe“ nennst, eigentlich eine Spur Gottes.

Parallele Bibeltexte als Slogans mit Anwendung:

Jesaja 55,1 – „Kommt alle her, die ihr Durst habt.“ → Gott spricht zuerst zu denen, die leer sind – nicht zu denen, die stark sind. Seine Einladung beginnt im Mangel.

Psalm 37,4 – „Habe deine Lust am Herrn.“ → Geistlicher Hunger wird nicht durch äußere Erfüllung gestillt, sondern durch Nähe zu Gott – und diese Nähe beginnt im Vertrauen.

Matthäus 6,33 – „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.“ → Gerechtigkeit ist nicht Selbstoptimierung, sondern Orientierung: Was Gott wichtig ist, darf auch dir zuerst wichtig sein.

2. Petrus 3,13 – „Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ → Dein Hunger ist nicht vergeblich – er weist auf eine Wirklichkeit hin, die noch kommt, aber schon jetzt durch dich durchscheinen kann.

Wenn du magst, nimm dir einfach 20 Minuten – in Ruhe, mit offenen Händen – und lies die ganze Ausarbeitung. Vielleicht findest du darin Worte für deinen eigenen Hunger.


Ausarbeitung zum Impuls

Lass uns kurz innehalten. Vielleicht hilft dir ein Moment der Stille, um von allem, was gerade war, loszulassen. Und dann bete mit mir – ganz einfach, ganz echt.

Liebevoller Vater, danke, dass du uns siehst – nicht nur dann, wenn wir stark sind, sondern gerade dann, wenn in uns ein Hunger nach mehr wächst. Danke, dass du das nicht übergehst, sondern ernst nimmst.

Manchmal fühlen wir uns leer, unruhig oder unzufrieden – und wissen nicht genau, wonach wir uns eigentlich sehnen. Aber dein Wort sagt, dass du die sättigst, die nach Gerechtigkeit hungern. Nicht mit schnellen Antworten, sondern mit deiner Nähe, mit deinem Wirken, mit deinem Reich.

Wir brauchen das. Auch heute.

Komm du uns entgegen, während wir uns mit diesem Vers beschäftigen.

Und wenn du willst, verändere uns dabei.

Im Namen Jesu,

Amen.

Okay, lass uns eintauchen – Schritt für Schritt, mit offenem Herzen.

Persönliche Identifikation mit dem Text und der Ausarbeitung:

In diesem Ersten Abschnitt geht es nicht darum, den Text zu erklären – sondern ihm zuzuhören. Es ist eigentlich der Letze schritt der Ausarbeitung gewesen, der den Ich nach allen anderen Schritten gegangen bin, die du danach lesen kannst… Ich versuche den Text zu sehen, zu hören zu fühlen und stelle mir die leisen, ehrlichen „W“-Fragen: Was spricht mich an? Was bleibt unausgesprochen? Warum bewegt mich das gerade jetzt? Ich frage mich, wie dieser Vers meinen Alltag berühren kann – nicht theoretisch, sondern greifbar. Und ich spüre nach, was das mit meinem Glauben macht – ob es trägt, fordert, tröstet oder alles zugleich. Am Ende suche ich nicht die perfekte Antwort, sondern eine aufrichtige Reaktion: Was nehme ich mit – ganz persönlich, im Herzen, im Leben, im Blick auf Gott.

Also, bereit?

Ich spreche über die vierte Seligpreisung – Matthäus 5,6: „Glückselig sind, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten – denn sie werden gesättigt werden.“ Und ja, dieser Satz klingt sanft, fast still – aber unter der Oberfläche liegt Spannung. Nicht nur spirituelle, sondern theologische. Was meint „Gerechtigkeit“ hier überhaupt? Und was genau ist dieses „Sattwerden“, das versprochen wird – in einer Welt, die so oft leer lässt?

Was ich sehe: Ich sehe Jesus, der sich hinsetzt. Das allein ist ein Statement – kein herrschender Lehrer, sondern ein nahbarer. Vor ihm keine Elite, keine theologische Fakultät. Menschen mit Fragen, mit gebrochenen Geschichten. Manche mit Hunger im Bauch, andere mit Hunger im Herzen. Und dann diese Worte – fast unverschämt in ihrer Klarheit: Glückselig sind, die hungern. Nicht, weil sie satt sind, sondern weil sie hungern. Ich sehe keine Siegerpose. Ich sehe leere Hände – und darin Gottes Hoffnung.

Vielleicht sitzt du gerade in der Bahn, im Büro, im eigenen Chaos – und merkst: Dieser Hunger ist nicht weg. Genau da beginnt der Text.

Was ich höre: Ich höre keine Anweisung, keine Moral. Ich höre Zuspruch. Nicht an die Perfekten, sondern an die Suchenden. Ich höre das Echo der Propheten, besonders Jesaja 55: „Kommt alle, die ihr durstig seid… ohne Geld, ohne Preis.“ Und ich höre Psalm 37,11: „Die Sanftmütigen werden das Land besitzen.“ Diese Verheißungen waren nie Vertröstungen. Sie waren der Anker für ein Volk, das gelernt hatte, im Hunger nicht den Glauben zu verlieren. Ich höre aber auch Jesu eigene Stimme in Matthäus 6,33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit…“ Das ist dieselbe Linie – Hunger, der nicht in Aktivismus mündet, sondern ins Vertrauen.

Was ich fühle: Ich fühle mich ertappt. Ich will Gerechtigkeit – aber nicht warten. Ich will Erfüllung – aber nicht dürsten. Doch Jesus lobt nicht die, die „etwas tun“, sondern die, die ihre Sehnsucht nicht verlieren. Ich fühle, wie mein Stolz sich regt. Ich will nicht bedürftig sein. Aber ich spüre auch: Gerade diese Bedürftigkeit ist der Ort, an dem Gott beginnt. Und ich erinnere mich: Gerechtigkeit ist nicht nur das, was ich tun kann – sondern das, was ich empfangen muss.

Gerechtigkeit – das griechische dikaiosynē – meint hier nicht nur Moral oder Gesetz, sondern Gottes Maßstab für eine heile Welt. Es ist das, was in Beziehung heilt, was wiederherstellt, was Bestand hat vor Gott. Für das jüdische Denken war das kein Ideal, sondern Hoffnung – auf einen Gott, der wirklich handelt.

Vielleicht ist dieser Hunger mehr als innerlich. Vielleicht ist er der Anfang von Gerechtigkeit, die durch dich hindurch beginnt – nicht als Heldentat, sondern als Handlung im Kleinen.

Für mich bedeutet das: Dieser Hunger bleibt nicht leer. Gott wird sichtbar handeln. Wir erwarten neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt (2. Petrus 3,13). Diese Sättigung ist kein Bild – sie ist Gottes Versprechen, dass alles, was jetzt fehlt, einmal erfüllt wird.

Wenn du magst: Mach es ganz einfach. Leg heute deine Hände für eine Minute offen hin. Sag nichts. Tu nichts. Und wenn du möchtest: Mach einem Menschen einen kleinen Schritt leichter – auch wenn das System noch nicht gerecht ist.

Was bleibt:

Gerechtigkeit ist nicht Leistung. Sie ist Verheißung. Sie kommt nicht aus dir – aber sie kommt. Und wenn du sie heute noch nicht siehst, heißt das nicht, dass Gott schweigt. Es heißt nur: Er wirkt tiefer, als du gerade spürst.

Wenn du willst, lies die ganze Ausarbeitung. Vielleicht ist dort ein Satz, der deinem Hunger Worte gibt.

Der Text:

Zunächst werfen wir einen Blick auf den Text in verschiedenen Bibelübersetzungen. Dadurch gewinnen wir ein tieferes Verständnis und können die unterschiedlichen Nuancen des Textes in den jeweiligen Übersetzungen oder Übertragungen besser erfassen. Dazu vergleichen wir die Elberfelder 2006 (ELB 2006), Schlachter 2000 (SLT), Luther 2017 (LU17), Basis Bibel (BB) und die Hoffnung für alle 2015 (Hfa).

Matthäus 5,6

ELB 2006: Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.

SLT: Glückselig sind, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie sollen satt werden!

LU17: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

BB: Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Denn sie werden satt werden.

HfA: Glücklich sind, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn sie sollen satt werden.

Der Kontext:

In diesem Abschnitt geht es darum, die grundlegenden Fragen – das „Wer“, „Wo“, „Was“, „Wann“ und „Warum“ – zu klären. Das Ziel ist es, ein besseres Bild von der Welt und den Umständen zu zeichnen, in denen dieser Vers verfasst wurde. So bekommen wir ein tieferes Verständnis für die Botschaft, bevor wir uns den Details widmen.

Kurzgesagt… Jesus spricht in eine Welt, in der viele am Limit leben – religiös, politisch, sozial. Mitten in diesem Alltag voller Spannungen lädt er Menschen ein, auf etwas Größeres zu hoffen: auf Gerechtigkeit, die mehr ist als ein moralisches System. Es geht um Gottes Wirklichkeit – und darum, was das für Menschen bedeutet, die hungern. Im wahrsten Sinne.

Previously on Matthäus 5… Wir sind mittendrin in der berühmten Bergpredigt. Die ersten drei Verse haben wir bereits durchleuchtet: geistlich arm sein (Teil 1), trauern über das, was kaputt ist (Teil 2), sanft bleiben in einer harten Welt (Teil 3). Jetzt kommt Vers 6 – und der knüpft direkt daran an. Wer seine Leere ehrlich sieht, wer spürt, dass Dinge nicht stimmen, und wer nicht mit Gewalt zurückschlägt, bei dem entsteht früher oder später ein Hunger. Nicht nach Rache oder Kontrolle, sondern nach einer anderen Ordnung. Genau das greift Jesus auf. Wir bewegen uns also weiter in diesem „inneren Weg“, den die Seligpreisungen beschreiben: Von der Leere zur Sehnsucht. Vom Mangel zum Verlangen. Vom Stillhalten zum inneren Drängen.

Zur Erinnerung: Jesus redet hier nicht im luftleeren Raum. Die Leute, die da vor ihm sitzen, kommen aus einem römisch besetzten Land, in dem Freiheit nur noch eine Erzählung von früher ist. Ihr Glaube wird geprägt von religiösem Leistungsdenken, sozialen Unterschieden und einer tiefen Sehnsucht nach einem Gott, der endlich wieder sichtbar eingreift. Die jüdische Bevölkerung hat ein scharfes Gespür für Gerechtigkeit – aber oft keine Stimme. Viele sehnen sich nach einer Welt, in der Gott Recht spricht, Schuldige nicht mehr davonkommen und Unterdrückte endlich frei atmen können. In dieser Lage fällt der Satz: „Glückselig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit…“ – und das trifft einen Nerv. Denn das ist keine trockene Theologie, sondern gelebte Erfahrung. Das „Hungern und Dürsten“ ist keine Metapher aus der Oberstufe, sondern Alltag: Wer nicht mitspielt, fällt durch. Und wer etwas anderes will, spürt schnell, wie sehr es fehlt.

Was hier auffällt – und das zieht sich durch alle Seligpreisungen – ist Jesu Blickrichtung: Er schaut nicht auf die, die schon angekommen sind, sondern auf die, die unterwegs sind. Auf die, die innerlich nicht zur Ruhe kommen, weil sie spüren, dass es so nicht bleiben darf. Und das ist eben nicht nur eine individuelle Sehnsucht nach einem besseren Leben, sondern Teil einer kollektiven Hoffnung, die in der jüdischen Tradition tief verwurzelt ist: Dass Gott eines Tages Recht schaffen wird – nicht nur im Himmel, sondern auf Erden.

Dabei lohnt sich der Blick zurück: Schon in den Psalmen und bei den Propheten war Gerechtigkeit ein Herzensanliegen. Aber es ging dabei nie nur um Gesetze, sondern um Beziehung – zu Gott, zum Nächsten, zur Gemeinschaft. Und jetzt steht da Jesus – und macht genau daraus eine Verheißung: Wer diesen Hunger kennt, soll nicht leer bleiben.

Bevor wir uns gleich die Schlüsselwörter anschauen, schnappen wir uns jetzt diesen einen Satz – Vers 6 – und holen aus ihm heraus, was sprachlich in ihm steckt. Denn manchmal steckt die Verheißung schon im Verb.

Die Schlüsselwörter:

In diesem Abschnitt wollen wir uns genauer mit den Schlüsselwörtern aus dem Text befassen. Diese Worte tragen tiefere Bedeutungen, die oft in der Übersetzung verloren gehen oder nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Wir werden die wichtigsten Begriffe aus dem ursprünglichen Text herausnehmen und ihre Bedeutung näher betrachten. Dabei schauen wir nicht nur auf die wörtliche Übersetzung, sondern auch darauf, was sie für das Leben und den Glauben bedeuten. Das hilft uns, die Tiefe und Kraft dieses Verses besser zu verstehen und ihn auf eine neue Weise zu erleben.

Matthäus 5,6 – Ursprünglicher Text (Nestle-Aland 28):

μακάριοι οἱ πεινῶντες καὶ διψῶντες τὴν δικαιοσύνην, ὅτι αὐτοὶ χορτασθήσονται.

Übersetzung Matthäus 5,6 (Elberfelder 2006):

Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.

Semantisch-pragmatische Kommentierung der Schlüsselwörter

  • μακάριοι (makárioi) – „glückselig“: Pluralform eines Adjektivs, das wie bei den vorherigen Versen mehr ist als „glücklich“. Es bezeichnet eine von Gott ausgesprochene Seligpreisung. Im Hintergrund steht das hebräische אַשְׁרֵי (ʾaschrē), etwa in Psalm 1,1. Es ist ein liturgisches Verkündigungswort, kein subjektiver Gefühlszustand. Wer „makários“ ist, steht unter dem segensreichen Blick Gottes – nicht wegen Leistung, sondern weil Gott es so sagt. In der antiken Welt war dieser Ausdruck ursprünglich den „Unberührbaren“ – Göttern oder Verstorbenen – vorbehalten. Jesus bricht das Muster: makárioi wird zum Zuspruch für Menschen in realer Bedürftigkeit.
  • πεινῶντες (peinōntes) – „die hungern“: Partizip Präsens Aktiv, maskulin Plural. Vom Verb πεινάω – „Hunger haben“. Das Wort beschreibt mehr als Appetit: Es meint existenziellen Mangel, den physiologischen Zustand des Hungerns. In Kombination mit δικαιοσύνη entsteht ein starker Ausdruck: geistlicher Hunger, der nicht bloß Interesse meint, sondern inneres Verlangen, existenzielle Sehnsucht. Wer hungert, kann nicht anders – es drängt. Der Präsens zeigt: Es ist ein andauernder, gegenwärtiger Zustand.
  • διψῶντες (dipsōntes) – „die dürsten“: Auch hier: Partizip Präsens Aktiv. Vom Verb διψάω – „Durst haben“. Wie beim Hunger geht es nicht um leichte Sehnsucht, sondern um Überlebensbedürfnis. In der antiken Umwelt Palästinas war Wasser kostbar – Durst war ein Symbol für Not, Dringlichkeit, absolutes Verlangen. Das doppelte Bild von Hunger und Durst verstärkt die Intensität des Gesuchten. Es geht nicht um akademisches Interesse an Gerechtigkeit, sondern um ein innerliches „Ich kann nicht mehr ohne.“
  • δικαιοσύνην (dikaiosýnēn) – „Gerechtigkeit“: Akkusativ Singular des zentralen Begriffs δικαιοσύνη. Im klassischen Griechisch bedeutete er das, was dem Recht und der Ordnung entspricht. Im biblischen Kontext – vor allem bei Matthäus – trägt dikaiosýnē eine reiche Bedeutung: Sie meint nicht nur rechtliches Verhalten, sondern Treue zum Bund Gottes, Leben im Willen Gottes, die Wiederherstellung heiler Beziehungen zwischen Gott, Mensch und Welt. Der Begriff ist relational: Es geht nicht um moralische Selbstoptimierung, sondern um das Sichtbarwerden von Gottes Ordnung in dieser Welt. Die Gerechten sind nicht die Scheinheiligen – sondern die, die sich in Gottes Wirklichkeit stellen (vgl. Mt 6,33). In jüdischer Tradition ist Zedaqah (צְדָקָה) oft Wohltätigkeit, Gerechtigkeit und göttliches Handeln in einem. Für Matthäus ist Gerechtigkeit das Lebensziel der Jünger (vgl. Mt 5,10.20).
  • χορτασθήσονται (chortasthēsontai) – „sie werden gesättigt werden“: Futur Passiv Indikativ 3. Person Plural von χορτάζω – „satt machen, sättigen“. Das Wort hat ursprünglich mit Tierfütterung zu tun (chortos = Gras), wurde aber im übertragenen Sinn für Menschen verwendet. Das Passiv („sie werden gesättigt“) ist theologischer Hinweis: nicht sie selbst stillen ihren Hunger – sondern Gott. Das Futur betont: Es ist eine sichere, kommende Erfüllung. Die Spannung von Jetzt und Noch-nicht wird damit greifbar. Die Verheißung ist nicht vertröstend, sondern trägt schon jetzt: Die Hungernden wissen – es wird satt werden.

Diese Schlüsselbegriffe offenbaren die ganze Tiefe des Verses: Es geht nicht um gesunde religiöse Balance, sondern um eine existenzielle Bewegung hin zu Gottes Ordnung – und um die Zusage, dass Gott antwortet.

Jetzt ist der Moment, diesen Wortschatz in einen theologischen Kommentar zu übersetzen – um zu verstehen, wie viel Hoffnung, Spannung und Dynamik in einem einzigen Satz stecken.

Ein Kommentar zum Text:

Theologische Grundlage Matthäus 5,6

Nimm dir einen Moment. Lies diesen Vers langsam. Vielleicht zweimal. Und dann frage dich: Meint Jesus mich? Oder jemand ganz anderen? Was ist das überhaupt – dieses Hungern nach Gerechtigkeit?

Wer Matthäus 5,6 ernst nimmt, steht in einem Dazwischen. Zwischen Unruhe und Hoffnung. Zwischen Mangel und Verheißung. Zwischen leerem Magen und voller Zusage. Es ist kein Vers, den man einfach durchliest und dann mit dem Kopf nickt. Es ist ein Vers, der stecken bleibt. Nicht weil er kompliziert ist – sondern weil er trifft.

Der griechische Text formuliert es ungewohnt direkt: Glückselig die Hungernden und Dürstenden nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden. Zwei Körperworte für eine geistliche Sehnsucht. Peinōntes – (πεινῶντες) – die Hungrigen. Dipsōntes – (διψῶντες) – die Dürstenden. Das ist keine metaphorische Floskel, sondern eine hendiadysche Intensivform – ein Stilmittel, bei dem zwei Begriffe zusammen eine einzige, verstärkte Bedeutung erzeugen. Es beschreibt eine absolute, unstillbare Sehnsucht. Wer hungert und dürstet, denkt nicht über Ethik nach. Er lebt im Modus der existenziellen Dringlichkeit.

Doch was ist das Ziel dieser Sehnsucht? Dikaiosýnē – (δικαιοσύνη) – Gerechtigkeit. Ein Begriff, der heute oft falsch gehört wird. Es geht hier nicht um Fairness im modernen Sinn oder um gesetzliche Gerechtigkeit. In der hebräischen Bibel – und in der Theologie Jesu – meint Gerechtigkeit das, was Gott als gut, heil und richtig versteht. Der Begriff wurzelt in Zedaqah (צְדָקָה) – einem Wort, das sowohl Gerechtigkeit als auch Barmherzigkeit, Fürsorge und Treue im Bund umfasst. Es ist Gottes Ordnung, nicht menschliche Balance.

Gerade Matthäus verwendet den Begriff auffällig häufig. In den Seligpreisungen (5,6 und 5,10), dann in 5,20, wo Jesus sagt, dass unsere Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten übertreffen muss, in 6,1 im Zusammenhang mit dem Fasten und Geben, und schließlich in 6,33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.“ Das zeigt: Gerechtigkeit ist für Matthäus kein ethischer Nebenbegriff, sondern das Zentrum eines gottgewollten Lebens.

Dabei wird oft übersehen, dass die Seligpreisungen nicht lose nebeneinanderstehen. Viele Ausleger wie Fiedler oder Gnilka sehen darin eine geordnete Struktur – ob als Chiasmus oder Progressionsmodell. Fiedler beschreibt den Aufbau als „eine innere Bewegung vom Mangel zur Erfüllung“ (Fiedler, Matthäusevangelium, Kohlhammer). Die erste Triade (geistlich arm, trauernd, sanftmütig) beschreibt den Zustand des Herzens. Die vierte Seligpreisung – Matthäus 5,6 – bildet das Zentrum. Sie ist der Umschlagpunkt: Aus der Bedürftigkeit wächst ein aktives, gerichtetes Verlangen. Hungern und dürsten als Wendung vom Defizit zur Ausrichtung.

Diese Ausrichtung ist nicht moralisch gemeint. Brown betont zu Recht: „Nicht soziale Reform, sondern das tiefe Verlangen nach Gottes Willen steht im Zentrum“ (Brown, Matthew, Baker Books). Das ist ein wichtiger Hinweis. Denn wir lesen diesen Vers oft entweder zu politisch – oder zu privat. Doch bei Matthäus ist dikaiosýnē beides: Gottes rettendes Handeln und unser Leben in dieser Ordnung. Für mich ist das besonders wichtig: Gerechtigkeit ist nicht nur eine ethische Haltung, sondern Teil des Heilsweges Gottes mit der Welt. Ich glaube, dass Gott nicht nur unsere Schuld vergibt, sondern uns befähigt, in seinem Willen zu leben – als Ausdruck des neuen Bundes (vgl. Jeremia 31,33; Hebräer 8,10). Das ist keine Selbstoptimierung, sondern Gnade in Veränderung.

Keener macht deutlich: „Das Verlangen nach Gerechtigkeit ist dringlicher als physischer Hunger – es ist das Kennzeichen derer, die auf Gottes Reich hoffen.“ (Keener, Matthew, IVP Academic). Aber genau hier beginnt die Spannung: Wie viel ist Erwartung – wie viel Verantwortung?

Gnilka sieht in diesem Vers einen prophetischen Aufruf zur Umkehr, zur Neuausrichtung des Herzens (Gnilka, Matthäusevangelium, Herder). Er betont die politische Dimension, verweist auf Jesaja 55 und Amos 5 – und deutet den Hunger nach Gerechtigkeit als Widerstand gegen eine religiöse Praxis, die Gerechtigkeit zur Ritualfrage macht. Das ist nicht falsch – aber es bleibt unvollständig, wenn man nicht beachtet, dass Matthäus Gerechtigkeit nicht nur anklagt, sondern verheißt. Für mich als adventistischer Theologe heißt das: Die Gerechtigkeit, die Jesus verheißt, ist keine Belohnung für politisches Engagement, sondern eine Frucht der Beziehung zu Gott – im Bund, im Glauben, in der Erwartung seiner Wiederkunft.

Das zeigt sich besonders im zweiten Teil des Verses: χορτασθήσονται (chortasthēsontai) – „sie werden gesättigt werden“. Das Verb steht im Futur Passiv. Die Form ist entscheidend. Es ist nicht: „sie werden sich sättigen“ – sondern: „sie werden gesättigt werden“. Das ist das sogenannte „göttliche Passiv“ – eine typische Formulierung, in der Gott der Handelnde ist, auch wenn er nicht genannt wird. Matthäus verwendet diese Struktur häufig (vgl. Mt 6,33; 7,7–11). Damit wird klar: Diese Gerechtigkeit ist nicht Produkt eigener Leistung, sondern Gottes Handeln an uns.

Diese Zusage ist keine bloße Vertröstung. Matthäus kennt keine Weltflucht. Die Gerechtigkeit wird greifbar – jetzt schon in ersten Spuren, und eines Tages vollkommen. Für mich – als Adventist und Nachfolger Jesu – liegt hier ein zentrales Motiv unseres Glaubens: Die eschatologische Hoffnung – also die Erwartung der letzten Dinge. Ich glaube, dass Gottes Gerechtigkeit heute schon wirksam wird – in unserem Charakter, in unserer Gemeinschaft, im Dienst. Aber ich rechne auch damit, dass sie voll und ganz erst in der neuen Erde sichtbar wird, wie sie in Offenbarung 21,1 beschrieben wird. Der Hunger wird gestillt – nicht weil wir irgendwann zufrieden sind, sondern weil Gott selbst sättigt. Nicht symbolisch. Real. Vollständig.

Dieses Verständnis stärkt sich durch andere matthäische Stellen. In Matthäus 14,20 und 15,37 – den beiden Speisungswundern – wird dasselbe Verb chortazō verwendet. Dort heißt es: „Alle aßen und wurden satt.“ Dieselbe Wortwahl. Das macht deutlich: Die Sättigung ist nicht bloß geistlich gemeint – sie ist konkret. Sie hat mit Fülle zu tun. Mit Erfüllung. Mit echtem Leben.

Und doch bleibt sie im Jetzt gebrochen. Das ist die Spannung. Brown spricht von der „doppelten Zeitstruktur“ – das Reich ist angebrochen, aber noch nicht vollendet (Brown, Matthew, Baker Books). Für mich ist diese Spannung nicht nur ein theologisches Konzept – sie ist mein Alltag. Ich sehe und habe Hunger – nicht nur auf Gerechtigkeit, sondern auch auf Frieden, auf Sinn, auf Gott. Und ich glaube: Jesus ehrt diesen Hunger. Er sagt nicht: Reiß dich zusammen. Sondern: Du bist gemeint.

Die Theologen die ich mir angeschaut habe streiten sich nicht über den Sinn dieses Verses – aber sie setzen unterschiedliche Akzente. Einige Gedanken: Keener sieht die Sehnsucht als prophetischen Widerstand gegen eine unbarmherzige Welt. Fiedler nennt den Hunger „eine geistliche Sensibilität, die sich nicht abstumpfen lässt“. Gnilka pocht auf den Zusammenhang mit den Armen im Alten Testament. Maier betont das Geschenk Gottes. Ich denke: Alle haben recht – aber nur zusammen. Der Hunger ist persönlich. Er ist geistlich. Und er ist prophetisch. Er sagt: Diese Welt reicht nicht. Ich brauche mehr. Ich brauche Gott.

Dabei ist wichtig, was der Text nicht sagt. Er sagt nicht: Glücklich sind die Sattmacher. Oder die Gerechtigkeitsproduzenten. Er sagt: Glücklich sind die, die hungern. Die dürsten. Die leer sind – und wissen, dass es mehr gibt.

Für mich ist das die befreiendste Botschaft dieses Verses. Nicht die Fülle ist selig – sondern die Sehnsucht. Nicht die Kontrolle – sondern das offene Herz. Das macht Matthäus 5,6 zu einer Einladung. Kein Imperativ. Kein Appell. Sondern ein Ruf. Für die, die noch spüren, dass etwas fehlt.

Vielleicht bist du so jemand. Vielleicht spürst du diesen Hunger. Dann gilt dir dieser Satz. Und vielleicht ist er auch ein Ruf an uns als Gemeinschaft: Nicht satt zu werden mit dem, was ist. Sondern offen zu bleiben für das, was kommen soll.

Die Frage, die bleibt, ist keine theoretische: Was, wenn dieser Hunger – dieses Ungenügen, dieses Drängen – nicht mein Problem ist, sondern mein geistliches Lebenszeichen?

Zentrale Punkte der Ausarbeitung

  1. Gerechtigkeit beginnt mit Hunger, nicht mit Antwort.
    • Jesus sagt nicht: Glücklich sind die Satten – sondern die, die hungern. Im Zentrum steht nicht das Ziel, sondern die Sehnsucht.
    • Diese Hungernden sind keine Opfer, sondern Träger einer Verheißung – weil sie spüren, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte.
  2. Gottes Gerechtigkeit ist mehr als Fairness.
    • Das griechische Wort dikaiosynē meint nicht nur ein ethisches Verhalten, sondern eine heilsame Ordnung, die von Gott ausgeht.
    • Es geht um eine Gerechtigkeit, die wiederherstellt – nicht durch Systemwechsel, sondern durch Gottes Gegenwart im Menschen.
  3. Der Mangel ist kein Makel, sondern der Ort der Begegnung.
    • Jesus preist nicht die Starken, sondern die, die leer sind und offen.
    • Der Hunger wird nicht moralisiert oder optimiert, sondern gesegnet. Weil er Raum lässt für etwas, das nicht aus uns selbst kommt.
  4. Die Verheißung steht fest – aber das Wann bleibt offen.
    • „Sie werden satt werden“ ist ein Satz ohne Datum, aber mit Autorität.
    • Die Gerechtigkeit, die kommt, ist nicht aus dieser Welt – aber sie beginnt schon jetzt im Herzen derer, die sie ersehnen.
  5. Diese Sehnsucht ist nicht Schwäche – sie ist gelebter Glaube.
    • Nicht die, die schon haben, sondern die, die noch hoffen, sind die wahren Träger des Reiches Gottes.
    • Der Text ist kein Aufruf zur Geduld, sondern eine Einladung zur Offenheit – für das Wirken Gottes, das tiefer geht als bloße Veränderung.

Warum ist das wichtig für mich?

  • Es verändert mein Verständnis von geistlicher Reife.
    • Reif ist nicht, wer alles im Griff hat – sondern wer es wagt, offen zu bleiben für das, was fehlt.
    • Ich muss nicht „erfüllt“ sein, um mit Gott verbunden zu sein – der Hunger selbst ist Teil des Weges.
  • Es verändert meine Sicht auf Gerechtigkeit.
    • Ich suche nicht nur nach äußeren Lösungen – sondern lerne, innerlich für das einzustehen, was Gottes Herz bewegt.
    • Gerechtigkeit ist keine Ideologie, sondern eine Beziehung, die mich verändert.
  • Es verändert mein Verhältnis zur Unzufriedenheit.
    • Wo ich früher nur Defizit gesehen habe, erkenne ich heute eine geistliche Einladung.
    • Mein Hunger muss nicht weggedrückt werden – er darf mich führen.
  • Es verändert mein Vertrauen in Gottes Zeit.
    • Ich lerne, die Verheißung ernst zu nehmen, auch wenn sie sich noch nicht erfüllt hat.
    • Die Zusage bleibt – auch wenn die Umstände bleiben. Und genau das gibt Halt.

Der Mehrwert dieser Erkenntnis

  • Ich kann ehrlich sein über das, was mir fehlt, ohne mich dafür zu schämen.
  • Ich kann Gottes Gerechtigkeit suchen, ohne sie selbst herstellen zu müssen.
  • Ich kann Vertrauen lernen – nicht nur auf das „Was“, sondern auch auf das „Wann“ Gottes.
  • Ich kann meine Sehnsucht als Teil meines Glaubens begreifen, nicht als Hindernis.

Kurz gesagt: Diese Seligpreisung ist kein Trostpreis – sie ist ein tiefer Zuspruch an alle, die innerlich leer sind, aber nicht aufgegeben haben zu hoffen.