Durch die Tränen hindurch – Wenn der Alltag zum Kompromisst wird und Gott näher ist, als wir denken

Donnerstag, 21:10 Uhr – Die Couch und der Kompromist

Es ist Donnerstagabend, 21.10 Uhr, ich lasse mich auf die Couch fallen.

Nicht setzen. Fallen.

So, als hätte mein Körper den ganzen Tag gewartet, endlich einmal sagen zu dürfen: „Ich kann nicht mehr.“

Neben mir liegt keine liebevoll vorbereitete Schüssel mit Süßem —

nein, nur eine aufgerissene Tüte.

So ein stilles Eingeständnis, dass es heute nicht um Genuss geht, sondern um Trost.

Oder eher: um einen Kompromist.

Die Mischung aus Kompromiss und Mist.

Etwas, das so tut, als würde es helfen… aber eigentlich nur den Lärm für ein paar Minuten leiser dreht.

Vor ein paar Stunden hatte ich herausgefunden, dass ich noch viel zu viele Urlaubstage vom letzten Jahr übrig habe.

Urlaubstage, die ich eigentlich hätte einatmen sollen.

Aber ich habe sie gesammelt wie Pfandflaschen, die man im Flur stapelt und jedes Mal denkt:

Morgen bring ich sie weg.

Und morgen wird dann irgendwann Dezember.

Ich scrolle durch die Streaming-Auswahl.

Nicht weil ich etwas sehen will, sondern weil ich irgendetwas brauche, das mich kurz aus meinem Kreisel holt.

Dann lande ich beim Film „Die Pilgerreise“.

Ich denke: Komm, vielleicht tut es mal wieder gut.

Und bevor ich es merke, sitze ich nicht mehr nur auf der Couch —

ich sitze in meinem Leben.

Und der Film hält mir einen Spiegel hin, den ich nicht bestellt habe.

Die Last auf dem Rücken – und die im Herzen

Im Film läuft ein junger Mann – Christian – durch eine Landschaft, die aussieht, als wäre sie aus den Gedanken eines übermüdeten Menschen gebaut.

Er trägt einen Rucksack.

Nein, eigentlich trägt der Rucksack ihn.

Es ist ein Bild, das sofort spürbar wird: Diese Last auf seinem Rücken steht für all das Unsichtbare, das wir mit uns herumschleppen.

Sorgen, die nachts wach halten.

Entscheidungen, die nicht getroffen wurden.

Worte, die man nicht zurücknehmen kann.

Verpflichtungen, die sich summiert haben.

All das, was man nicht sehen kann – aber trotzdem schwer wird.

Und während ich diese Szene schaue, merke ich plötzlich: Dieser junge Mann ist mir näher, als ich zugeben möchte.

Denn sein Rucksack… der sieht aus wie eine Mischung aus allem, was auch ein Alltag sein kann.

In meinem Fall: Arbeit in der Gemeinde, die ich gern mache – aber die trotzdem Kraft kostet. Menschen, die mir anvertraut sind und die Aufmerksamkeit brauchen. Seelsorgerische Gespräche, die nachts noch im Kopf bleiben. Predigten, die vorbereitet werden wollen, während der Alltag weiterläuft. Organisatorische Aufgaben, die plötzlich dringend erscheinen.

Aber vielleicht sieht dein Rucksack ganz anders aus:

Projekte, die gut laufen – aber trotzdem Energie ziehen.

Beziehungen, die wertvoll sind – und gerade deshalb Präsenz brauchen.

Verantwortungen, die du übernommen hast – und die sich summieren.

Wintertage, die früher dunkel werden – und mit der Dunkelheit ein leises Ziehen im Herzen.

All die kleinen Dinge, die man „mal eben“ erledigen will – und die sich wie Kieselsteine summieren.

Und das Herausfordernde daran:

Vieles davon ist sinnvoll. Manches sogar Berufung.

Vielleicht sogar zu sehr Berufung.

Denn wenn man Dinge aus Überzeugung tut, spürt man nicht sofort, wie schwer sie werden, wenn sie dicht an dicht stehen.

Man merkt nicht, wie viele Tage man schon im „Ich-mach-das-schon“-Modus lebt.

Man merkt nicht, dass man längst nicht mehr getragen wird, sondern trägt.

Und dann stellt sich irgendwann die Frage:

Wie lange laufe ich eigentlich schon so?

Wie lange rede ich mir ein, das sei normal – oder sogar notwendig?

In diesem Moment im Film, als der junge Mann fast zusammenbricht unter der Last, wird etwas deutlich: Diese Last ist vielleicht näher an unserem eigenen Leben, als wir zugeben wollen.

Der Satz, der alles stoppt – „Schau durch deine Tränen hindurch“

Im Film kommt dann der Moment, wo Christian weinend sagt:

„Was soll ich nur tun? Ich schaffe es nicht mehr!“

Plötzlich steht da ein älterer Mann — ruhig, als wäre er schon die ganze Zeit da gewesen.

Er lenkt seinen Blick in die Weite. Dort ist ein Licht.

Ein fester Punkt – wie eine Hoffnung, die stabil leuchtet.

Christian kneift die Augen zusammen.

Schaut.

Versucht das Licht zu sehen.

Aber da ist nur verschwommener Nebel.

„Was ist da? Ich sehe nichts!“

Dann sagt der Mann etwas, das mich echt gepackt hat:

„Wisch deine Tränen nicht weg. Schau durch sie hindurch. Manchmal bringen uns unsere Tränen auch etwas Klarheit.“

Stille breitet sich in mir aus.

Und der alte Mann fügt hinzu: „Schau hinter deine Sorgen.“

Christian blinzelt.

Seine Tränen verschwimmen mit dem Licht in der Ferne.

„Ich weiß nicht… Ich sehe nichts…“

Und dann, ganz plötzlich, als würde sich etwas in ihm öffnen:

„Oh – warte! Ich… ich glaube, ich sehe es jetzt. Da ist es! Ich sehe es!“

Seine Stimme bebt vor Erleichterung.

„Gut“, sagt der ältere Mann mit einem milden Lächeln. „Jetzt hör mir gut zu: Behalte das Licht im Blick und geh direkt darauf zu. Du gehst nicht nach links, nicht nach rechts – geh direkt darauf zu.“

Der Satz fällt, als hätte jemand plötzlich die Luft greifbar gemacht.

Es geht um einen Weg, der durch die Tränen hindurchführt – nicht daran vorbei.

Ich nehme in mir den Impuls wahr: „Diggi… lass uns einen anderen Film schauen… Das ist jetzt zu deep.“

Aber es ist zu spät.

Der Satz hat mich.

Ich stehe auf und fange an zu schreiben.

Hinter der Last, den Tränen und den Sorgen

Seit dieser Szene lässt mich ein Gedanke nicht mehr los.

Nicht der Rucksack.

Nicht einmal die Tränen.

Sondern das, was dahinter liegt.

Weil: Die Last ist nur das Erste, was man sieht.

Sie liegt offen da, schwer, sichtbar, erklärbar.

Arbeit. Verantwortung. Alltag. Leben.

Dinge, die man benennen kann, ohne sich zu schämen – weil sie zum Leben dazugehören.

Dann kommen die Tränen.

Sie brechen sich Bahn, wenn die Last nicht mehr still getragen werden kann.

Wenn der Körper schneller ehrlich ist als der Kopf.

Wenn etwas in uns sagt: Ich kann das nicht mehr alleine.

Und genau hier – hinter den Tränen – warten die Sorgen.

Nicht die lauten, die man in Worte fassen kann.

Sondern die leisen.

Die, die wir oft gar nicht als Sorgen bezeichnen, sondern als Pflichtgefühl, Vernunft oder Realitätssinn tarnen.

Hinter meinen Sorgen liegt oft nicht Chaos.

Sondern ein Bündel aus Gefühlen und unausgesprochenen Annahmen.

Die Angst, wertlos zu sein, wenn ich etwas nicht tue oder schaffe.

Die Sorge, dass etwas kippt, wenn ich loslasse oder nein sage.

Die alte Stimme, die flüstert: Du bist okay – solange du funktionierst.

Und hier ist wichtig zu sagen:

Das heißt nicht, dass ich nicht klarkomme.

Das heißt nicht, dass ich überfordert bin oder zusammenbreche.

Das heißt nur: Ich bin ehrlich genug, um zu merken, dass da etwas ist – etwas, das nicht laut schreit, aber trotzdem da ist.

Vielleicht kennst du das auch.

Vielleicht sehen deine Lasten anders aus.

Vielleicht fließen deine Tränen an anderen Stellen.

Aber vielleicht verdecken deine Sorgen auch etwas, das du schon lange spürst, aber nicht anschauen willst:

Eine Müdigkeit, die tiefer sitzt, als Schlaf geben kann.

Eine Sehnsucht nach Ruhe, die man nicht planen kann – und wo selbst angesammelte Urlaubstage zu kurz kommen.

Den Wunsch, einmal nicht stark sein zu müssen.

Nicht alles im Griff zu haben.

Nicht alles selbst zu tragen.

Sorgen sind laut.

Tränen sind ehrlich.

Aber das, was dahinter liegt, spricht leise – und vielleicht ist genau dort Gott näher, als wir denken.

Nicht weil wir schwach sind.

Sondern weil wir endlich bereit sind hinzuschauen.

Ein Gott, der Lasten trägt und Tränen sammelt

Was mich an der Bibel berührt, ist nicht, dass sie schnelle Antworten gibt.

Sondern dass sie Menschen nicht aus dem Leid herausredet.

Sie bleibt stehen.

Und schaut hin.

Ich lese Ps 56,9 – und mir fällt dieser Satz auf: „Meine Tränen hast du gezählt; sammle sie in deinem Krug.“

Da steht nicht: Gott übersieht die Tränen.

Da steht nicht: Gott wischt sie sofort weg.

Da steht: Er sammelt sie.

Als wären sie etwas Wertvolles.

Als würden sie etwas erzählen, das nicht verloren gehen darf.

Und dann lese ich, was Jesus sagt – ganz direkt (Mt 11,28): „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe geben.“

Nicht: „Kommt, wenn ihr alles sortiert habt.“

Nicht: „Kommt, wenn ihr wieder klar sehen könnt.“

Sondern: beladen.

Mit Last. Mit Müdigkeit. Mit all dem, was sich angesammelt hat.

Jesus fordert nicht zuerst eine Veränderung.

Er bietet zuerst Nähe an.

Und wenn ich genauer hinschaue, merke ich: Auch sein eigener Weg führt nicht an Tränen vorbei.

Der Hebräerbrief beschreibt ihn als einen, der durch das Leiden hindurchgegangen ist und dabei den Blick auf die kommende Freude gerichtet hielt (Hebr 12,2).

Nicht über das Leid hinweg.

Nicht daran vorbei.

Durch hindurch.

Und ganz am Ende der Bibel, in Offb 21,4, lese ich diese Verheißung: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“

Aber erst nachdem sie geweint wurden.

Nicht vorher.

Nicht übersprungen.

Was ich darin sehe – vielleicht siehst du es anders – ist eine leise Einladung:

Die Tränen sind kein Hindernis auf dem Weg zu Gott.

Sie gehören zum Weg dazu.

Hinter der Last, hinter den Tränen, hinter den Sorgen steht kein leerer Raum.

Da steht ein Gott, der trägt, der sammelt und der bleibt.

Dienstagabend – wenn der Alltag weiterläuft

Dienstagabend ist kein Datum.

Dienstagabend ist ein Zustand.

Es ist dieser Moment, in dem nichts Besonderes passiert – und genau das macht ihn so ehrlich.

Kein Wochenende in Sicht, kein Feiertag rettet den Tag.

Nur Alltag.

Dienstagabend ist, wenn der Tisch abgeräumt ist, aber der Kopf noch voll – wenn die Kinder im Bett sind oder zumindest so tun – wenn man merkt, dass der Tag länger war als gedacht und dass morgen wieder einer kommt.

Wenn man funktioniert – nicht schlecht, nicht falsch – einfach weiter.

Und genau da – mitten im Weiterlaufen – sitzen viele mit ihrer Last.

Mit Tränen, die man sich lieber nicht erlaubt, weil sie gerade nicht passen.

Mit Sorgen, die man gut im Griff hat, solange niemand zu genau hinschaut.

Vielleicht ist dein Dienstagabend heute gar kein Dienstag – vielleicht ist er am Donnerstag, nach dem Gottesdienst, mitten in der Woche, wenn plötzlich alles still wird.

Aber genau dort stellt sich die Frage aus dem Film neu:

Was wäre, wenn ich mir die Tränen nicht sofort wegwische?

Was wäre, wenn ich durch sie hindurchschaue – nicht auf das Problem, sondern auf das, was dahinter liegt?

Was mir hilft – wenn ich durch die Tränen schaue

Ich halte inne.

Nicht weil ich muss, sondern weil ich merke: Wenn ich weiterlaufe, sehe ich nichts mehr.

Ich nehme mir Zeit – manchmal nur ein paar Minuten, manchmal länger – und stelle mir die Frage:

Wofür lohnt es sich eigentlich aufzustehen?

Nicht theoretisch. Nicht als Pflicht.

Sondern wirklich: Was ist diese eine Geschichte, dieses eine Gefühl, dieses eine Erlebte, das trägt?

Manchmal finde ich sofort eine Antwort.

Manchmal nicht.

Und wenn ich sie nicht finde, nehme ich mir Zeit für Gebet.

Einfach da sein. Atmen. Nichts erklären müssen.

Der alte Mann im Film hat gesagt: „Schau auf dieses Licht. Nicht nach links, nicht nach rechts.“

Und genau da merke ich, wie schnell ich versuche, einen Kompromist zu finden – irgendein Mittel, das hilft, ohne dass ich wirklich hinschauen muss.

Aber das funktioniert nicht.

Meine Erfahrung ist: Nur im Licht Christi, nur in der Wahrheit seines Wortes, finde ich die Ruhe, die meine Seele braucht.

Nicht als Formel.

Sondern als Begegnung.

Um durch meine Tränen hindurchzuschauen.

Um hinter meinen Sorgen das zu sehen, wohin mich der Weg der Stimme Gottes führt.

Es ist kein Ausweg aus der Last.

Es ist ein Weg durch sie hindurch.

Und in diesem Durch-Hindurch merke ich: Ich bin nicht allein.

Da ist einer, der trägt.

Der sammelt.

Der bleibt.

Und der sagt: „Komm.“