Ich als Leiter – Die Kunst der Selbstführung aus biblischer Perspektive (JuLeiCa 25)

Selbstführung: Die unsichtbare Kraft hinter jeder starken Leitung

Stell dir vor, du stehst mitten im Wald. Die Luft ist kalt, dein Atem sichtbar, und deine Gruppe wartet auf eine Entscheidung. Alle Blicke sind auf dich gerichtet. Du bist der Leiter. Doch tief in dir drin fühlt es sich nicht so an. Diese Unsicherheit, dieses unterschwellige Gefühl: Bin ich wirklich bereit, andere zu führen?

Das ist die Realität, die viele Leiter erleben, aber kaum jemand anspricht. Denn während alle über Strategie, Teambuilding und Leiterschaft reden, bleibt eine Frage oft unbeantwortet: Wie leite ich mich selbst?

Es gibt diesen einen Vers in der Bibel, den wir oft überlesen. Apostelgeschichte 20,28: „Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Aufsehern eingesetzt hat.“

Paulus gibt hier eine Reihenfolge vor. Und sie ist entscheidend. Erst auf sich selbst achten – dann andere führen. Aber genau das ist das Schwierige, oder? Wir haben gelernt, Verantwortung für andere zu übernehmen, aber wer bringt uns bei, Verantwortung für uns selbst zu tragen?

Hier beginnt das eigentliche Thema: Selbstführung ist keine Option – sie ist das Fundament jeder echten Leitung.

Und sie beginnt mit einer simplen, aber unbequemen Wahrheit: Niemand kann dich führen, wenn du dich selbst nicht führen kannst.


Selbstführung beginnt mit radikaler Verantwortung

Die größte Gefahr für Leiter ist nicht, dass sie von außen scheitern – sondern dass sie von innen zerbrechen. Die Unsicherheiten, die Ängste, die Zweifel. Und dann sind da diese zwei tödlichen Lügen, die uns lähmen.

Die erste? „Ich kann nichts tun.“ Das ist die Opferhaltung. Die Welt ist gegen mich, die Umstände sind unfair, andere blockieren mich. „Ich kann nicht, weil mein Team nicht mitzieht.“ „Meine Gruppe ist zu passiv.“ „Ich würde ja mehr machen, aber niemand unterstützt mich.“ Alles klingt logisch. Aber es ist ein Gefängnis. Denn solange du glaubst, dass du keine Wahl hast, hast du keine.

Die zweite? „Ich kann tun, was ich will.“ Das ist die Illusion grenzenloser Selbstverwirklichung. Das Leben ist ein Spielplatz und ich nehme mir, was ich will. Kein Blick für Konsequenzen, keine Rücksicht auf andere. Aber auch das führt ins Chaos.

Gott hat uns nicht als Opfer, aber auch nicht als Egoisten geschaffen. Er hat uns als verantwortliche Gestalter erschaffen. Und das bedeutet, dass du dein Leben nicht einfach passieren lässt – sondern aktiv formst.

David bringt es auf den Punkt:

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? […] Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände gemacht, alles hast du unter seine Füße gelegt.“ (Psalm 8,5-7)

Das bedeutet: Wir sind keine Getriebenen der Umstände. Wir sind von Gott befähigt, Verantwortung zu übernehmen.


Selbstführung bedeutet, deine Emotionen zu lenken – statt dich von ihnen lenken zu lassen

„Ich kann nichts für meine Emotionen.“ Diesen Satz hast du sicher schon gehört – oder selbst gesagt. Klingt logisch, oder? Aber hier liegt der Denkfehler. Natürlich können wir nicht kontrollieren, was wir fühlen. Aber wir können entscheiden, was wir mit diesen Gefühlen tun.

Paulus saß im Gefängnis. Seine Freiheit? Weg. Seine Mission? Kurz vorm Ende. Wenn einer sich als Opfer der Umstände hätte fühlen können, dann er. Aber was tat er? Er schrieb Briefe voller Freude.

„Freut euch im Herrn allezeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4)

Freude – mitten im Gefängnis? Das geht doch nicht. Doch, es geht. Weil Paulus eine Wahrheit kannte, die wir oft vergessen:

Gefühle sind echt, aber sie sind nicht dein Boss.

„Wir nehmen jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam Christi.“ (2. Kor 10,5)

Das bedeutet nicht, Emotionen zu unterdrücken oder zu ignorieren. Es bedeutet, sie zu reflektieren. Zu hinterfragen.

Ist mein Ärger gerade wirklich berechtigt – oder ist es eine überzogene Erwartung?
Ist meine Angst real – oder spiegelt sie eine alte Wunde wider?

Gott ruft uns nicht dazu auf, gefühllos zu sein. Aber er ruft uns dazu auf, unsere Emotionen nicht das Steuer übernehmen zu lassen.


Selbstführung ist keine egoistische Selbstoptimierung

Unsere Welt schreit: „Werde die beste Version deiner selbst!“ Das klingt stark. Aber es ist eine Falle. Denn biblische Selbstführung ist nicht Selbstoptimierung um jeden Preis.

Jesus hat es deutlich gemacht:

„Wer mir folgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mt 16,24)

Bedeutet das, sich selbst aufzugeben? Nein. Es bedeutet, sich selbst in Gottes Hände zu legen. Selbstführung ist nicht die Kunst, sich immer weiter zu pushen – sondern die Kunst, im richtigen Moment innezuhalten und sich zu fragen:

Lebe ich für meinen Erfolg – oder für Gottes Ehre?


Selbstführung erfordert Balance zwischen Aktion und Ruhe

Und genau hier kommt ein weiteres Paradoxon ins Spiel: Stille.

Gott hat den Menschen geschaffen – und als Erstes gab er ihm… einen Ruhetag.

Denk mal darüber nach. Der Mensch wurde am sechsten Tag erschaffen – und der erste ganze Tag, den er erlebte, war… der Sabbat. Ein Tag der Ruhe.

Bevor du tust, musst du sein.

Wann hast du das letzte Mal nichts getan, ohne dich dabei schlecht zu fühlen?

Viele Leiter rennen durch ihr Leben, als müssten sie sich ihre Existenz verdienen. Aber wenn du deinen Wert durch Leistung definierst, wirst du nie ankommen.

Weil es nie genug sein wird.

Gott lädt dich ein, loszulassen.


Selbstführung bedeutet, Verantwortung für Heilung zu übernehmen

Aber was ist, wenn du verletzt bist? Wenn du tief sitzende Wunden hast? Ist Selbstführung dann nicht zu viel verlangt?

Hier ist ein wichtiger Punkt: Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, sich selbst zu heilen – sondern Heilung zu suchen.

Henry Cloud sagt:

„In dem Maße, wie du weiterhin die Welt durch die Brille deiner Kindheit betrachtest, wird deine Zukunft deiner Vergangenheit gleichen.“

Gott will dich freimachen. Aber Freiheit beginnt da, wo du die Wahrheit zulässt.


Schlussgedanke: Deine nächsten Schritte

1️⃣ Wenn es stimmt, dass ich in jeder Situation handeln kann – was ist mein nächster Schritt?
2️⃣ Wenn mir Gottes Wille wichtiger ist als mein Ego – worauf werde ich verzichten?

Selbstführung ist keine Ego-Nummer. Es ist gelebte Nachfolge.

Es beginnt nicht morgen. Es beginnt jetzt.

🔹 Was denkst du?
🔹 Wo hat dich das Thema am meisten herausgefordert?
🔹 Wo brauchst du Veränderung – und was wäre dein erster Schritt?

Lass uns drüber reden. 🚀


Gruppen-Nachgespräch

Einstieg

  1. Was hat dich an diesem Thema am meisten angesprochen oder herausgefordert? Selbstführung beginnt mit Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.
  2. Wo fällt es dir schwer, Verantwortung für dein eigenes Leben zu übernehmen? Verantwortung heißt nicht Kontrolle, sondern bewusste Entscheidungen.
  3. Kennst du die „Opferhaltung“ oder „Egomanie“ aus deinem Leben? Biblische Selbstführung meidet beide Extreme.

Vertiefung

  1. Wie gehst du mit deinen Emotionen um – lenken sie dich oder lenkst du sie? Gefühle sind real, aber sie müssen uns nicht bestimmen.
  2. Was unterscheidet biblische Selbstführung von Selbstoptimierung? Selbstführung dient Gott, nicht der Perfektion.
  3. Ist dein Leben in Balance oder brauchst du mehr Ruhe? Gott gab uns den Ruhetag – Balance ist kein Luxus.

Anwendung

  1. Wo brauchst du Heilung oder mehr Verantwortung? Verantwortung heißt auch, Hilfe anzunehmen.
  2. Welche kleine Veränderung willst du umsetzen? Selbstführung beginnt mit einem ersten Schritt.

Abschluss:

👉 Was nimmst du mit? Wie können wir uns unterstützen?